Papst Franziskus begegnet kranken und behinderten Heimatlosen

Situation der Flüchtlinge oben auf der Agenda

Von Michaela Koller

AMMAN, 23. Mai 2013 (Vaticanista/Explizit.net).- Zum Auftakt seiner dreitägigen Nahostreise wird Papst Franziskus am Samstag nach einem Höflichkeitsbesuch beim jordanischen König Abdullah II. und Königin Rania im Stadion von Amman eine Heilige Messe feiern. Und am Abend wird er in Bethania erwartet, an der Taufstelle Jesu am Jordan. Dort ist eine Begegnung mit Flüchtlingen aus Syrien und dem Irak sowie Kranken und Behinderten vorgesehen. „Der Heilige Vater hat darum gebeten, Vertreter der Flüchtlinge zu treffen. Auf diese Weise bringt er das Problem wieder nach oben auf die Agenda“, sagt der Priester Emil Salayta, Offizial im Lateinischen Patriarchat.

Taufstelle Jesu in Bethania, Jordanien. Foto: M. Koller

Taufstelle Jesu in Bethania, Jordanien. Foto: M. Koller

„Die Begegnung wird sie ihre Würde spüren lassen, und das Gefühl geben, dass sie nicht allein gelassen werden“, sagt er weiter im Gespräch mit Explizit.net. Caritas Jordanien bereitet das Treffen von Papst Franziskus mit den syrischen und irakischen Kriegsopfern organisatorisch vor. Als landesweit dicht vernetzte Einrichtung trägt sie wesentlich zur Unterstützung der Syrer bei, die außerhalb der Flüchtlingslager untergebracht sind. Und das sind immerhin 80 Prozent, sogenannte „urbane Flüchtlinge“. Caritas Jordanien hat für die Hilfesuchenden grenznah neun Zentren eingerichtet, in denen bislang 340.000 Menschen geholfen wurde. „Sie kommen in großer Zahl und die meisten von ihnen illegal,“ sagt Gaby Daw, Mitarbeiter von Caritas Jordanien. Diesen Menschen fehlt es am Nötigsten, weil sie gerade einmal mit Handgepäck einreisen.

Ein Teil der Flüchtlinge kommt ganz legal ins Land, überqueren die Grenze mit ihrem Reisepass und kommen zunächst bei Verwandten oder Freunden in Jordanien unter. Einige führen Ersparnisse mit sich, die aber auch irgendwann zur Neige gehen. Auch wer offiziell einreist, erhält keine Arbeitserlaubnis. In Jordanien werden Flüchtlinge unterstützt, aber es wird erwartet, dass sie, wenn sie nicht zurückkehren können, in Drittländer weiterreisen. „Einige beschaffen sich illegal Jobs“, sagt Daw. Die Situation ist auf Dauer für die Stabilität Jordaniens gefährlich, das nur über begrenzte Ressourcen verfügt und etwa unter Wasserknappheit leidet.

Durch den Zufluss illegaler Arbeitskräfte sinken nicht nur die Löhne für Aushilfsjobs: Die Konkurrenz um Wohnraum treibt zugleich die Mieten in die Höhe. Das führt zu Spannungen zwischen Jordaniern und den neuen Flüchtlingen. „Selbst Jordanier, die umziehen, müssen auf einen Platz für ihre Kinder in der Schule warten“, sagt Daw. Nicht nur Schulen, auch Krankenhäuser sind überfüllt. „Es ist bewundernswert, wie gastfreundlich sich Jordanien trotz seiner vielfältigen eigenen Problemen bereits seit vielen Jahren den Flüchtlingen gegenüber zeigt“, lobte jetzt auch Caritas-Präsident Peter Neher.

Jordanien ist als ärmstes Land der Region mit der Aufnahme von mittlerweile wohl fast einer Million Menschen, 610.000 Registrierte, überlastet, die allein vor den Gräueln in Syrien geflohen sind. Rund die Hälfte der mehr als sechs Millionen Einwohner sind palästinensische Flüchtlinge und ihre Nachfahren. Der Irak-Konflikt bescherte dem Land einen weiteren Strom von Flüchtlingen, die auf 200.000 geschätzt werden. „In Jordanien sind viele besorgt darüber, wie lange die Flüchtlinge hier bleiben werden, bevor sie in ihre Heimat zurückkehren können“, erklärt Gaby Daw.

Viele Flüchtlinge sind unmittelbar zu Zeugen von besonders grausamer Gewalt geworden, der sie selbst nur knapp entkommen sind; nahe Verwandte fielen jedoch den Akten zum Opfer. „Sie haben einen dringenden Bedarf an psychologischer Hilfe, um mit dem traumatischen Erlebnis fertig zu werden“, erklärt Gaby Daw. Dazu kommt die Verlusterfahrung durch die Flucht, die in einer heruntergekommen, kaum möblierten, feuchten Unterkunft auf engstem Raum mit der Familie erst richtig bewußt wird. „Sie leben meist in ärmsten Gegenden in Behausungen, die überhaupt nicht hygienisch sind, oft mit deutlichen Spuren von Feuchtigkeit an den Wänden“, berichtet Daw weiter. Das Arbeitsverbot senkt zudem bei vielen Eltern das Selbstwertgefühl, weil sie nicht mehr für die Befriedigung der Grundbedürfnisse ihrer Familie sorgen können. Daw befürwortet, die Zeit für berufliche Weiterbildung zu nutzen, die Jordanien aber nur mit internationaler Unterstützung anbieten könne.

Andraus Malki mit Familie; Foto: privat

Andraus Malki mit Familie; Foto: privat

Der syrisch-orthodoxe Christ Andraus Malki, wäre eine Sorge los, wenn die nächste Schule keine Gebühren verlangen würde: Drei seiner vier Kinder sind im Schulalter. „Wir leben in andauernder Angst und Anspannung. Wir müssen ständig an die ungeklärte Zukunft unserer Kinder denken“, gesteht er. Er möchte mit seiner Frau, seinen Kindern und seiner Mutter so schnell wie möglich nach Deutschland einreisen dürfen, wo schon ein Teil der Familie lebt. Er ringt um Worte, den Horror zu beschreiben, den sie vor mehr als einem Jahr erlebt haben. Sie kommen aus dem Dorf Kahtaniyah, unweit der Grenze zur Türkei.

Furchteinflößend maskierte bewaffnete Milizen marschierten dort eines Tages ein, beschimpften die Christen als „kuffar“, als Ungläubige. Diese Männer hatten sie im Visier, und drohten mit Entführung und Ermordung jedem, der nicht mit ihnen mitzieht. Um sein Leben und das seiner nächsten Angehörigen zu retten, verließ er Haus und Unternehmen. Nachbarskinder waren schon zwangsrekrutiert und verschleppt worden. Um die Kampfgebiete zu umgehen, reisten sie über Damaskus nach Amman. „Wir haben dabei nicht bedacht, dass wir von Extremisten angehalten und ausgefragt werden könnten“, berichtet er. „Die Reise ist mit kleinen Kindern und alten, übermüdeten Personen sehr gefährlich“, berichtet er. Seine Mutter hatte sich das Bein gebrochen und ist seither gelähmt und auf besondere Hilfe angewiesen. „Wir erlebten Stunden des Horrors, als wir von bewaffneten Milizen angehalten wurden.“ Die Extremisten lenkten am Ende nach ihrer Zusicherung ein, sich in dem von ihnen kontrollierten Gebiet nicht mehr blicken zu lassen.

Jetzt lebt er mit seiner Familie in Sicherheit: In einer Gemeinschaftswohnung mit anderen Christen in Amman-Aschrafieh, relativ zentral in der jordanischen Hauptstadt. Die syrisch-orthodoxe Kirche hilft ihnen ebenso wie die Caritas, von der sie Lebensmittel erhalten. „Es fehlt auch nicht an psychologischer Betreuung. Auch wird ausgiebig über die Zukunft unserer Kinder nachgedacht“, versichert Malki. Auf die Frage, was ihnen Kraft gibt, antwortet er: „Die ständige Hoffnung, an unsere Leute in Deutschland zu kommen, sowie unser Gebet an Jesus Christus“.

Papst Franziskus wird einige Flüchtlinge, die sich in einer ähnlichen Situation wie Malki befinden, stellvertretend treffen und ihnen geistlichen Trotz spenden können. Diese Begegnung wird aber auch als Signal an die internationale Gemeinschaft verstanden. „Der Papst hat sie bereits mehrfach an ihre Verantwortung erinnert. Diejenigen, die den Krieg anfeuern, sollten damit endlich aufhören. Unschuldige Menschen zahlen den Preis für diesen Konflikt“, sagt Emil Salayta vom Lateinischen Patriarchat.

Er wünscht sich auch, dass die westlichen Länder daraus ablesen, in den Aufnahmeländern mehr für die Flüchtlinge zu tun: „Alle werden den Preis dafür zu zahlen haben, wenn wir nicht handeln. Diese Menschen verzweifeln, könnten frustriert und radikal werden und möglicherweise zu Aggressionen und Racheakten tendieren, die sich gegen diejenigen richten, die direkt oder indirekt zur Krise beigetragen haben.“ Diese Reise ist bereits der zweite Nahostbesuch eines Papstes seit Ausbruch des Bürgerkriegs in Syrien und der zweite Versuch, aus nächster Nähe auf Frieden hinzuwirken.

 

 

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