„Den Menschen die wahre Quelle zeigen“

Interview mit Bischof Frantisek Radkovsky von Pilsen

REGENSBURG, 5. Juni 2014 (Vaticanista/Die Tagespost).- Das Motto des diesjährigen Katholikentags „Mit Christus Brücken bauen“ hat auch einen Blick auf die die Kirche als Verbindungsglied zwischen Völkern erschlossen. Die Bistümer Regensburg und Pilsen sind seit der Zeit des heiligen Wolfgang vor 1.000 Jahren eng historisch miteinander verknüpft. Michaela Koller befragte den Pilsener Bischof Frantisek Radkovsky nach seiner ganz persönlichen Perspektive auf den Brückenbau zwischen Deutschen und Tschechen.

Es gibt eine persönliche Brücke zwischen Ihnen und Bischof Rudolf Voderholzer von Regensburg?

Seine Mutter stammt aus unserer Diözese. Sie hat ihrem Sohn über den heiligen Wolfgang, Bischof von Regensburg, erzählt, der einen Zweig genommen hat, daraus ein Kreuz formte und sagte: Hier entsteht eine große Kirche. Er spielte eine große Rolle bei der Christianisierung Böhmens. Das ist nur eine Brücke. Eine weitere war sein großer Lehrer, der sudetendeutsche Kapuzinerpater Victricius Berndt. Ich kam in dessen Geburtsort in der Nähe von Karlsbad. Wir haben uns dann dort vor ungefähr 15 Jahren kennengelernt. Wir haben uns dann auch bei der Gründung der Spezialbibliothek des Instituts Papst Benedikt XVI. wiedergetroffen. Und dann kam zu meiner Überraschung seine Einladung zur Bischofsweihe nach Regensburg, wozu er mich als Mitkonsekrator ausgewählt hatte.

Foto: Bistum Pilsen

Foto: Bistum Pilsen

Deutsche und Tschechen habe einen langen Weg der Annäherung hinter sich. Was hat dazu beigetragen?

Nachbarn mit einer langen gemeinsamen Geschichte sind manchmal Freunde, manchmal Feinde. Im 19. Jahrhundert begann bereits die nationale Erneuerung unter den Tschechen. Ein Problem dabei war die Abgrenzung voneinander aufgrund von Sprache und Nationalität. Aber besonders tragisch war das vorige Jahrhundert mit Nationalsozialismus, Krieg, anschließender Vertreibung der Deutschen und der Kommunismus. Das alles liegt auf unserer gemeinsamen Reise nun hinter uns. Gott sei Dank ist das vorbei. Wichtig bei der Annäherung war die Einigung Europas. Durch das Streben nach Einheit ist Europa nun ein Kontinent des Friedens. Die Ukraine-Krise ist jetzt ein Prüfung.

Welche Erfahrung auf dem Weg der Versöhnung haben Sie gemacht?

Vor 25 Jahren war die Situation immer noch gespannt, weil die kommunistische Propaganda noch nachwirkte. Es ist immer so, dass sich Diktaturen immer ihre Berechtigung mit einer äußeren Gefahr begründen. Die Kommunisten schürten Angst vor den Sudetendeutschen, so war Versöhnung nicht möglich. Ich wurde 1993 Bischof von Pilsen. Das Bistum in Westböhmen damals neu errichtet. Ich sah, dass es wichtig ist sich um die Beziehungen zwischen den Nationen zu bemühen wie zwischen Frankreich und Deutschland.

Foto: Deutscher Katholikentag, Benedikt Plesker

Foto: Deutscher Katholikentag, Benedikt Plesker

War diese Versöhnung ein Modell für Sie?

Ja, für mich und auch für andere. Ich kam damals als Bischof in die Kirche der Vertriebenenstadt Neutraubling und habe mich dort entschuldigt, dass wir wegen der kommunistischen Zeit mit der Aufarbeitung noch nicht so weit sind. Der nächste Schritt dort war ein Freundschaftserklärung zwischen der Pfarrgemeinde dort und einer tschechischen Gemeinde. Zehn Jahre später erlebten wir mit EU-Beitritt Tschechiens eine richtige Wende. Heute sehe ich in den Gemeinden an der Grenze, wie unproblematisch der Umgang ist. Die Kinder lernen jeweils in der Schule die Sprache der anderen. Diese Gebiete haben auf beiden Seiten aber durch die Vergangenheit sehr gelitten: demographisch, ökonomisch, kulturell und auch religiös.

Sind die Menschen dabei, völlig ihre christlichen Wurzeln zu vergessen?

Es gab immer in der Geschichte eine Pendelbewegung zwischen materieller und spiritueller Orientierung. Sie hatten unter dem atheistischen Druck den Glauben verloren und haben keine Verbindung mehr zu ihren Wurzeln. Jetzt schlägt das Pendel zurück: Die Leute haben verstanden, dass Freiheit und Wohlstand allein nicht so viel nützen, um glücklicher zu werden. Sie suchen wieder spirituelle Orientierung. Da die christliche Tradition unterbrochen wurde, versuchen sie alles: Buddhismus, Esoterik, Astrologie und Naturreligionen. Das ist für unsere Kirche eine große Herausforderung, den Menschen die wahre Quelle zu zeigen, die Jesus Christus ist, damit sie nicht aus jeder Pfütze trinken.

 

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