Noch ein langer Weg zu Demokratie und Gerechtigkeit

Das Thema „Arabischer Frühling“ auf dem Katholikentag

Von Michaela Koller

REGENSBURG, 5. Juni 2014 (Vaticanista/Die Tagespost).- Die Arabellion von 2011 ist erst der Anfang einer breiten gesellschaftlichen und politischen Umwälzung in den arabischen Ländern gewesen, wie bei einem Podiumsgespräch von Pax Christi auf dem Katholikentag in Regensburg deutlich wurde. Ivesa Lübben, Politikwissenschaftlerin mit Schwerpunkt Nahost aus Marburg, war wenig überrascht, als binnen weniger Monate mehrere Diktaturen in Nordafrika und Nahost hinweggefegt oder erschüttert wurden.

„Schon 2007 standen die Zeichen auf Sturm“, betonte der Politologin über die Entwicklung in Ägypten. Rebellionen habe es in armen und reichen Ländern, in Staaten mit Einparteiensystemen und Monarchien gegeben. „In den arabischen Ländern herrschte das größte Demokratiedefizit, mehr als in Schwarzafrika“, sagte Lübben. Schon lange Zeit sei die Herrschaftskrise offensichtlich gewesen. Mitbestimmung und Teilhabe an Ressourcen sei sowohl durch direkte Repression, entsprechende Verfassungsbestimmungen als auch Korruption eingeschränkt worden. Selbst in Jordanien, dessen Königshaus im Westen einen guten Ruf genießt, bestehe für die Bürger keine Möglichkeit der Mitgestaltung wesentlicher politischer Entscheidungen. Sowohl dort als auch in Marokko seien die Regierungen nur Zweitinstitutionen. Kleine Gruppen bereicherten sich. Eine kleine Businesselite halte in den arabischen Ländern meist eine Monopolstellung auf dem Markt.

Pater Samir; Foto: Stephan Baier

Pater Samir; Foto: Stephan Baier

„Gerade junge Leute aus der unteren Mittelschicht leiden darunter“, erklärte Lübben. Durch willkürliche Verhaftungen, Folter, politische Prozesse hätten sich unheimliche Frustrationen in breiten Kreisen der Jugend angesammelt. „Trotzdem waren es keine reinen Jugendaufstände“, betonte sie. In Tunesien habe auch die Arbeiterbewegung wesentlich zum Umsturz des Ben-Ali-Regimes beigetragen. Als weiteren Einflussfaktor nannte Lübben den Umstand, dass die junge Generation durch den Umgang mit dem Internet sehr viel informierter sei als ihre Eltern und sie sich dadurch ein Bild davon machen könne, wie junge Menschen in anderen Teilen der Welt lebten. Die sozialen Medien spielten zudem eine wichtige Rolle bei der Koordination der Aufstände.

Bislang wichen die Folgen der Umwälzungen in den betroffenen Ländern sehr voneinander ab. „Es kann jetzt auch niemand sagen, wie die Kräfteverhältnisse in fünf Jahren aussehen werden“, betonte sie. Von der französischen Revolution 1789 bis zur Durchsetzung des Frauenwahlrechts in Frankreich 1944 lag immerhin auch ein langer Zeitraum, argumentierte Lübben. „Das einzige Land, in dem sich zivile Kräfte eine zivile Verfassung gegeben haben, ist Tunesien.“ Die Politikwissenschaftlerin würdigte die Anschlussfähigkeit der En-Nahda-Partei an moderne Erfordernisse zur Entwicklung. Der tunesische Zweig der Muslimbruderschaft trete für „eine genderparitätische Besetzung“ von Machtpositionen ein. In Ägypten habe die Bruderschaft nicht die Chance erhalten, ihre ausgeklügelten wirtschaftspolitischen Konzepte umzusetzen, da das Militär wieder die Herrschaft errungen habe. „Sie hatten in jeder Provinz eine Bestandsaufnahme vorgenommen“, lobte sie.

Deutlich widersprach der ägyptische Jesuitenpater Samir Khalil Samir, Professor in Beirut für christliche arabische Literatur und Nahost-Berater des Vatikan. Er verwies darauf, dass andere Entscheidungen der Regierung unter Mohammed Mursi vor der Umsetzung der Wirtschaftspolitik Priorität hatten. „In den Bereichen Kultur und Erziehung ging die Islamisierung jede Woche einen entscheidenden Schritt weiter“, erinnerte Samir. Auch er sei überzeugt, dass Islam und Demokratie zusammenpassten.

Der Islamwissenschaftler und Theologe sieht im Gegensatz zu Lübben den Vorrang einer geistigen Entwicklung als Grundvoraussetzung für den weiteren Weg Richtung Demokratie und sozialer Gerechtigkeit. „Die Vereinbarkeit von Moderne und Islam, das ist das Problem. Die Demokratie ist ein Teil davon.“

Eine besondere Rolle in der künftigen Entwicklung rechnet er den Christen zu. Sie seien aufgrund ihrer Tradition diejenigen, die eine Verbindung zur Moderne herstellen könnten. Hinsichtlich der Umwälzungen stimmte er mit der Politikwissenschaftlerin Lübben in einem Punkt überein: „Es wird Jahrzehnte dauern. Es gibt aber keinen anderen Weg.“

 

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