„Als ein Gott voller Leidenschaft“

Höhepunkte des 19. Forums Altötting

Von Michaela Koller

ALTÖTTING, 12. August 2014 (Vaticanista/Die Tagespost).- Ein Abend mit eucharistischer Anbetung, begleitet von Gesang, Gebet und Beichtgelegenheit ist auch in diesem Jahr wieder Höhepunkt des Forums Altöttings der Gemeinschaft Emmanuel gewesen. Beim „Barmherzigkeitsabend“ am vergangenen Sonntag in dem bayerischen Marienheiligtum zeigten junge Leute eine allegorische Pantomime über das Ringen zwischen Verzweiflung und Nähe zu Jesus Christus.

Lobpreis am Morgen beim Forum Altötting; Foto: M. Koller

Lobpreis am Morgen beim Forum Altötting; Foto: M. Koller

Ein junger Mann, bekleidet mit Achselshirt und Gliedkette, eine junge Frau mit knappem Minikleid in leuchtendem Rosa, eine Weitere mit einem Maßband zerrten an einer schwarz gekleideten Darstellerin, die sich mit größter Anstrengung zu der weißgewandeten Gestalt hinter diesen Allegorien der irdischer Abhängigkeiten ausstreckt. Gerade noch hielt sich die Frau eine Pistole an die Schläfe.

Am Ende gelang ihr der Kampf gegen die dunklen Gestalten, um dem Weißgewandeten nahe sein zu können. Eine Teilnehmerin zeigte sich gerade durch die Pantomime berührt, weil sie eigene leidvolle Erfahrungen darin widergespiegelt sah, wie sie im Gespräch mit dieser Zeitung einräumte. Die 30-Jährige Gertrud besuchte das erste Mal das Forum Altötting und sagte: „Es ist für mich eine neue Erfahrung, dass fremde Menschen Mitgefühl haben und helfen wollen.“ Laurent Landete, Moderator der Gemeinschaft, und seine Frau Christel legten am Montagvormittag in ihrem zentralen Vortrag auf dem Kapellplatz von der praktizierten Nächstenliebe Zeugnis ab, die sie selbst in schwerer Zeit in der Gemeinschaft erfahren haben: Als die sechsfachen Eltern ihr drittes Kind erwarteten, erfuhren sie von einer schweren genetischen Vorbelastung der ersten beiden Geschwister, die sich dann durch neurologische, psychomotorische und geistige Probleme zeigte.

„Ein Donnerschlag für Familie und Eheleben“, wie Laurent Landete es nannte. „Was macht Gott eigentlich?“, hätten sie in der verzweifelten Situation gefragt. Schließlich hat die Familie aus zwei Quellen Hoffnung geschöpft: Aus der Heiligen Schrift und aus der tätigen Nächstenliebe der Brüder und Schwestern in der Gemeinschaft. Ein Kollege von Landete, der Krankenpfleger ist, fand durch das Vorbild dieser Hilfe zum Glauben. Als ein Arzt ihn dazu bringen wollte, einem von Schmerz gezeichneten Patienten eine tödliche Injektion zu erteilen, weigerte der Kollege sich unter Verweis auf ein Kreuz an seiner Halskette. “So bringt ein Akt der Nächstenliebe den nächsten hervor“, erklärte Landete.

Diesmal standen alle Foren unter dem Motto „Mit-Leidenschaft“. „Gott will uns begegnen als ein Gott voller Leidenschaft“, erklärten die Veranstalter Natalie und Markus Trauttmansdorff das diesjährige Thema. Mit-Leidenschaft bedeute, die Bedürfnisse des anderen zu sehen, ihm zu helfen, sein Leben zu tragen und dadurch die Nächstenliebe konkret werden zu lassen. „So wie Jesus es macht.“ Unter dem Dach „Forum Altötting“ gibt es mittlerweile fünf Foren, neben dem Erwachsenen- und Familienforum jeweils Programme für Kinder, Teenies und Jugendliche ein eigenes Programm: Eigene Vorträge und Workshops bietet das Priesterforum seit einigen Jahren.

Ein weiterer Höhepunkt war das Musical am Freitagabend von 21 Studenten der Altöttinger School of Mission „Guadalupe. Wenn der Himmel eingreift“. Dabei ging es um die wundersame Bekehrung Mittelamerikas: Innerhalb kürzester Zeit ließen sich neun Millionen Indios taufen, nachdem dem Azteken Juan Diego im Dezember 1531 in Mexiko die Muttergottes erschienen war. Franziskaner-Missionare hatten zuvor lange vergeblich versucht, diesen Menschen die Frohe Botschaft zu vermitteln. Am Erscheinungsort befindet sich der weltweit größte Wallfahrtsort, das Heiligtum von Guadalupe.

Die Zuschauer erlebten eine kraftvoll bebilderte Inszenierung reich an Spannung und markanten Charakteren: Wunder geschehen nach dem Gebet des frommen Bischofs Zumárraga, der der Muttergottes kastilische Rosen in einem flehentlichen Gebet wünscht. Juan Diego, der zwischen dem 9. und 12. Dezember mehrfach der Jungfrau begegnet, versucht ausdauernd, zum Bischof vorgelassen zu werden, um die Bitte der heiligen Jungfrau, ein Heiligtum an ihrem Begegnungsort zu errichten, vorzutragen. Der Gouverneur und seine Frau, die den Indios nicht die gleiche Menschenwürde zuerkennen möchten, haben eine Haushälterin im Bischofshaus als Spitzel auf Zumárraga angesetzt. Sie soll ein Zusammentreffen des Bischofs mit den Einheimischen vereiteln. Juan Diego gelingt es schließlich Dank der Hilfe des Gouverneurssohnes Rodrigo, nach dem Blumenwunder, seine Tilma mit den gesammelten Blumen vor Bischof Zumárraga auszubreiten und das Bild auf der Tilma erscheint.

Neben Vorträgen, Lobpreis und Anbetung gehören mehr als 30 Workshops zu aktuellen kirchlichen und gesellschaftlichen Themen zum Gerüst des Erwachsenen- und Familienforums. Kaplan Jörg Niermeier sowie Dominique Haas sprachen in einem Workshop am Samstag über Charismen im biblischen Sinn. Der Apostel Paulus ermuntere die Gläubigen, nach Gnadengaben wie Sprachengesang, die Gaben der Erkenntnis und der Unterscheidung, der prophetischen Rede oder Gabe der Heilung zu streben (Römer 12, 5–8 ). Den theologischen Fachbegriff grenzten sie zunächst von der Bedeutung ab, die landläufig dem Adjektiv „charismatisch“ zukommt und sich aus anziehender Ausstrahlung und rhetorischer Begabung zusammensetzt. Die Gaben sollten zur tieferen Erkenntnis Gottes führen und setzten den freien Willen dessen voraus, in dem das Charisma gewachsen sei. „Gott überrollt nicht, überfordert niemanden“, sagte Niermeier.

Über Toleranz und Wahrheit sprach der Religionsphilosoph Jörg Splett in einem vielbeachteten Workshop am Sonntag. „Heute gilt man schon als intolerant, wenn man etwas als Wahrheit verkündet“, sagte Splett eingangs. Der Vorwurf lautete, er redete nur über die Wahrheit, um andere ins Unrecht zu setzen. Mit Toleranz werde heute meist Beliebigkeit gemeint. Wahr sei, was sich als Wirklichkeit zeige. Jedem Menschen erscheine die Wirklichkeit etwas anders; die Bilder ergänzten sich, auch die Vorstellungen von Gott, den jeder Gläubige wieder anders sehe. Splett gab jedoch zu bedenken, dass Wahrheit ohne Liebe nur eine „Richtigkeit“ sei. Das Forum Altötting endete am vorigen Dienstag mit einer Heiligen Messe auf dem Altöttinger Kapellplatz.

 

[Erstveröffentlichung: Die Tagespost, 9. August 2014]

 

 

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