Wegen Zeitmangels nicht zur Kirche

Interview mit dem koreanischen Pfarrer Byoung il Kwon zum bevorstehenden Papstbesuch in Südkorea

MÜNCHEN, 12. August 2014 (Vaticanista/Die Tagespost).- Byoung il Kwon, 2005 zum Priester geweiht, ist zunächst Pfarrer in Korea, in Youngcheon, einer ländlichen Region 350 Kilometer südöstlich von der Hauptstadt Seoul gewesen. Seit Februar 2013 ist der inzwischen 37-Jährige für die koreanischen katholischen Gemeinden in Erlangen, Würzburg, Regensburg und München zuständig, Michaela Koller sprach mit ihm über die Bedeutung des Glaubens im Alltag der koreanischen Katholiken und die Situation der Jugend in dem fernöstlichen Land, das Papst Franziskus ab diesen Donnerstag an besuchen wird.

 

Pfarrer Byoung il Kwon aus Korea; Foto: privat

Pfarrer Byoung il Kwon aus Korea; Foto: privat

In Asien ist Korea das Land mit dem drittgrößten Bevölkerungsanteil an Christen. Wieso ist das Christentum dort so gewachsen?

Pfarrer Byoung il Kwon: Für das Wachstum gibt es drei Gründe, denke ich: Das Märtyrium Tausender zwischen 1791 und Ende des 19. Jahrhunderts, das Eintreten für die Gerechtigkeit während der Zeit der Militärherrschaft in den Jahrzehnten nach dem Koreakrieg sowie zwei Papstbesuche in den Jahren 1984, als Papst Johannes Paul II. 103 Märtyrer heiligsprach, und 1989.

Wie erklären Sie sich hingegen den immer noch großen Anteil Glaubensloser in Südkorea?

Pfarrer Byoung il Kwon: Ich denke, alle Koreaner sind anonyme Christen. Sie sind, ob sie eine Religion haben oder nicht, sehr religiös. Wegen der langen wissenschaftlichen Besetzung des Konfuzianismus haben fast alle erkannt, dass der Höchste im Himmel existiert. Aus demselben Grund zollen alle den Eltern und Alten Respekt. Diese Punkte sind die Brücke zum christlichen Glauben. Bis jetzt kommen viele Erwachsene in die Kirche, um den Glauben kennenzulernen und sich dann taufen zu lassen.

Welche Rolle spielt der Glaube im Alltag junger Menschen in Ihrer Herkunftsheimat? Wie spiegelt sich die Realität in den Pfarrgemeinden wider?

Pfarrer Byoung il Kwon: Ähnlich wie in Europa haben wir auch Probleme mit den Jugendlichen, die nicht mehr in die Kirche kommen. Nicht wegen der Enttäuschung sondern wegen des Zeitmangels können sie nicht in die Kirche. Manche Jugendliche lernen nämlich in der Schule über 14 Stunden pro Tag. Auch am Wochenende ist das keine Ausnahme. Deswegen haben wir versucht, sie in der Schule zu besuchen und die Eltern zu überzeugen, wie gut und schön man mit dem Glauben lebt. Tatsächlich ist die Zahl des jugendlichen Selbstmordes am höchsten in Korea, wegen des Stresses. Allerdings steht das Glück im Unglück, dass die katholischen Jugendlichen die niedrigste Zahl besitzen.

Die Jugendliche, die zur die Sonntagsschule in der Gemeinde besuchen, lernen, wie man glücklich und zufrieden lebt, was die Bedeutung des Lebens mit Gott ist, wie man sich entscheiden kann. Mit diesen Lehren, die in der Schule noch fehlen, könnten sie sich wahrscheinlich besser verhalten. Aber es gibt eben die Jugendlichen und Eltern, die nur den Erfolg für wichtig halten.

Wir haben viele Programme für Jugendliche, wie Katechismusunterricht und Ferienfreizeiten. Im Winter machen sie auch Exerzitien, in denen sie über ihren Glauben im Alltag nachdenken können.

Ist die Realität in der Auslandsgemeinschaft ähnlich?

Pfarrer Byoung il Kwon: Jede Situation ist anders. Die Jugendliche, die jetzt außerhalb Koreas wohnen, haben mehr Freiheit vom Stress. Auf der anderen Seite haben sie auch Probleme mit der Kultur. Der kulturelle Unterschied kann zu Verwirrung in der Identität führen. Manchmal überwinden sie die Situation klug. Die Jugendgruppen im Ausland ist kleiner als in Korea, aber sie engagieren sich mehr. Sie versuchen herauszufinden, was das wahre Leben ist. Antwort entdecken sie in der Zusammenleben im Glauben in der kleinen Gemeinschaft.

Wie ist die Weitergabe des Glaubens geregelt? Gibt es ein festes Glaubenswissen?

Pfarrer Byoung il Kwon: Es gibt manchmal eine Zeit, in der Gläubige anderen ihren Glauben vorstellen und sie in die Kirche einladen. Auch gibt es manchmal sechs- bis zwölfmonatliche Katechesestunden. Sie versammeln sich einmal oder zweimal pro Woche und ein Pfarrer, eine Schwester oder ein Laie hält diese Stunde. Dafür gibt es mehrere Bücher, die von Katechismus, Bibel und kirchlichem Leben sprechen.

Manchen Koreanern kommt die Idee vom Höchsten und besondere Erfahrungen, die nicht mittels der eignenen Vernunft zu verstehen sind. Der Leiter oder die Leiterin des Katechesestunde verknüpft vorsichtig diese Erfahrungen mit unseren Glauben. Manche nehmen dann an, was der Leiter sagt, weil sie vorher schon vom Vorbild Glaubender bewegt sind.

Nach der Taufe nehmen sie Anteil an den Angeboten von Gruppen und Geistlichen Gemeinschaften wie Legio Mariae, Cursillo, Focolare. Und so wächst der Glaube weiter.

Wie ist das Verhältnis der katholischen Ortskirche zu der Vielzahl protestantischer Gemeinschaften?

Pfarrer Byoung il Kwon: Die protestantischen Gemeinschaften in Korea sind zu facettenreich. Es gibt in Korea mehr als 200 verschiedene Richtungen. Es ist schwierig mit denen zu sprechen. Mit welchen sollen wir sprechen oder gemeinsam etwas tun?

Das zweite Problem liegt auch am Verhalten der Protestanten gegenüber uns. Die protestantischen Pastoren lehren ihren Gläubigen, dass die Katholische Kirche eine falsche, gefallene Kirche sei. Sie wollen einfach nicht mit uns sprechen und halten die anderen Religionen für satanisch. Deswegen ist die Katholische Kirche komischerweise mehr mit Buddhisten als mit Protestanten befreundet.

Bitte beschreiben Sie die Rolle der Katholiken in der Gesellschaft.

Pfarrer Byoung il Kwon: Ich denke, dass unsere Gesellschaft krank ist. Vor 100 Tagen ereignete sich ein Schiffsunglück, bei dem tragischerweise viele Jugendliche ums Leben kamen. Bis jetzt wissen wir nichts über die Ursache. Der Regierung wird Versäumnis bei der Rettung vorgeworfen. Trotzdem entschudigt sie sich noch nicht ehrlich.

Das ist ein kleines Teil unserer Gesellschaft. Wirtschaftliche Entwicklung von Korea war ernorm, aber die Innere Reife haben wir noch nicht erreicht. Die katholische Kirche und die Gläubigen sollen davon sprechen und auch dafür beten, was die Gerechtigkeit des Herrn ist.

Jede Gläubige sollen sich im Alltag auf dem Weg des Herrn machen. Als Vorbild des Herrn sollen sie wirken. Dann wird die koreanische Kirche weiter in die Nähe des Himmelreiches schreiten.

Welche Hoffnungen, welche Nöte kennzeichnen die Kirche in Südkorea?

Pfarrer Byoung il Kwon: Die gute Nachricht lautet, dass die Zahl der Gläubigen bis jetzt zunimmt. Trotzdem gibt es Menschen, die von den Gläubigen oder Priestern enttäuscht sind und sich von der Kirche zurückziehen. Deswegen hoffen und wünschen wir, dass wir in die Tiefe des Glaubens kommen und dass wir innerlich reif werden können. Der Glaube soll für uns nicht ein Accessoire sein, sondern als ein Grundprinzip und Sinn des Lebens wirken. Wir hoffen, durch den Papstbesuch die Schätze des Glaubens wieder bekannter machen zu können.

Außerdem hoffen wir, dass koreanisches Volk, Nordkorea und Südkorea wieder vereinigt wird. Die unterdrückten Gläubigen in Nordkorea sollen befreit werden und müssen wieder menschenwürdig leben können.

[Erstveröffentlichung: Die Tagespost, 12. August 2014]

 

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