Christliche Solidarität mit den Verfolgten im Irak

Appelle, Geld und Gebet für religiöse Minderheiten

Von Michaela Koller

ROM, 19. August 2014 (Vaticanista).- Auf der Suche nach Frieden im Irak ist Papst Franziskus selbst bereit, in das Krisengebiet zu reisen. Auf dem Rückweg von seiner Pastoralreise nach Südkorea nannte er ein militärisches Eingreifen gegen die Terroristen des IS (Islamischer Staat) gerechtfertigt, unter dem Vorbehalt, dass nicht nur ein Land über eine solche Interventionen entscheidet. „Wo es einen unrechtmäßigen Aggressor gibt, ist es berechtigt, ihn zu stoppen. Ich unterstreiche das Verb stoppen, nicht bombardieren oder Krieg führen.“ Der Vatikanbotschafter im Irak, Erzbischof Giorgio Lingua, sprach sich bereits vor einer Woche für ein militärisches Eingreifen der Vereinten Nationen im Irak aus. Verhandlungen mit den islamistischen Kämpfern hält er indes für aussichtslos. Es sei nun am Weltsicherheitsrat, die Voraussetzungen für einen Stopp des Völkermords an religiösen Minderheiten zu schaffen.

Sein Amtsvorgänger ist Kurienkardinal Fernando Filoni, der der Missionskongregation vorsteht und am heutigen Dienstag seine humanitäre Mission im Nordirak beendet hat. Allein die Zahl der christlichen Flüchtlinge liegt dort Schätzungen zufolge bei rund 100.000. Auf dieser Reise sicherte er Repräsentanten religiöser Minderheiten zu, wenigstens für das Nötigste Unterstützung zu beschaffen. Filoni überbrachte zudem den Trost Papst Franziskus‘, darunter auch an Staatspräsident Fuad Massum, den er zum Abschluss in Bagdad traf und ihm einen Brief des Papstes überreichte. Dieser und die politischen Äußerungen des Pontifex sind im Irak Filoni zufolge als ermutigend aufgenommen worden.

Während der Abschlussmesse seines Besuchs in Korea in der Kathedrale von Seoul betete der Papst auch für seinen Gesandten Filoni und dessen Mission. In der nordirakischen Stadt Lalish hatte der Kardinal am Samstag jesidischen Flüchtlingen 25.000 US-Dollar übergeben. Am Freitag hatte er zum Hochfest der Aufnahme Mariens in den Himmel unter den vertriebenen Christen im Flüchtlingscamp in Duhok, im Norden der Ninive-Ebene, eine Heilige Messe gefeiert. Kardinal Filoni betonte, die Kirche verteidige nicht allein die Rechte der Christen, sondern spreche für alle diskriminierten Minderheiten. Die Menschen hätten ein Recht darauf, in ihrem Heimatland zu bleiben und als vollwertige Bürger zu leben.

Katholische Bischöfe in Deutschland und auch der evangelische Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm haben derweil in der vergangenen Woche ihre Solidarität mit den Christen und anderen religiösen Minderheiten im Irak gezeigt. Kardinal Reinhard Marx hat an die religiösen Führer des Islam appelliert, „ein Zeichen des Friedens zu setzen“ mit einer gemeinsamen Erklärung zum islamistischen Terror im Irak. „Ich weiß, der Islam ist nicht das, was ISIS ist. Aber da höre ich zu wenig, dass die religiösen Führer der Schiiten und der Sunniten sich zusammentun und öffentlich und wirksam sagen: niemals Gewalt im Namen Gottes, niemals Mord im Namen Gottes, niemals Unterdrückung im Namen Gottes“, so der Erzbischof von München und Freising bei seiner Predigt im Münchner Liebfrauendom am Freitag.

Eine solche Erklärung erfordere vielleicht Mut, so Kardinal Marx weiter, „aber wir bitten um diesen Mut, öffentlich zu sagen, dass dies nicht ihre Religion ist, die dort praktiziert wird“. Der Kardinal erinnerte auch daran, dass finanzielle Hilfe sowie die Aufnahme von Flüchtlingen wesentliche Unterstützung darstellten. Auch die Solidarität des Gebetes mit den Christen im Irak, in Syrien, in Gaza und in vielen anderen Ländern der Welt „ist für uns eine wichtige, selbstverständliche Pflicht“, betonte der Erzbischof.

Das Erzbistum Bamberg stellt aus dem Katastrophenfonds 30.000 Euro für die Flüchtlinge aus dem Nordirak zur Verfügung. Die Hilfe soll über Caritas International umgehend die Menschen vor Ort erreichen. „Mit Gebet, Solidarität und finanziellen Mitteln wollen wir den verfolgten Christen und anderen Minderheiten zur Seite stehen, die terrorisiert und vertrieben, verfolgt und getötet werden“, sagte Bambergs Erzbischof Ludwig Schick.

Der evangelische Landesbischof Bedford-Strohm unterhält persönliche Kontakte zu Christen, die zum Teil nach Kurdistan unter schrecklichen Bedingungen geflüchtet sind und hat so selbst sehr intensiv an deren Schicksal Anteil genommen, wie es in einer gemeinsamen Erklärung zusammen mit dem Bischof von Passau, Stefan Oster, hieß. Dort steht weiter: „Auch die Klarheit darüber, dass Gewalt keine Probleme löse und dass man diplomatisch und mit friedlichen und zivilen Mitteln solche Konflikte angehen muss, „entbindet uns nicht von der Notwendigkeit, in solchen unmittelbaren Gefahrensituationen, wo Völkermord passiert, eine unmittelbare Nothilfe zu leisten, die dann den Weg frei macht, mit zivilen Mitteln solche Probleme zu lösen.“ Es ginge darum, einen Völkermord zu verhindern, so Bischof Oster. Sie formulierten bei einer Zusammenkunft ein Gebet, das im Folgenden widergegeben wird:

Allmächtiger, barmherziger Gott

seit Wochen sehen wir Bilder der Gewalt, Bilder des Krieges, Bilder von fliehenden, weinenden und trauernden Menschen, Bilder von zerstörten Häusern und brennenden Städten.

Immer wieder schwindet unter uns die Hoffnung auf Frieden in den Kriegsgebieten dieser Tage.

Wir bringen heute besonders die Menschen im Irak vor Dich.

Wir beten für diejenigen, die Angst haben, ihr Leben im nächsten Angriff zu verlieren. Wir beten für die Eltern, die um ihre Kinder trauern. Wir beten für die Familien, die im Krieg ihre Heimat verloren haben und für alle, die vom Krieg betroffen sind.

Wir beten auch für die fanatisierten Menschen, die jetzt brutale Gewalt anwenden und töten. Sende Du Deinen Geist der Liebe in ihre Herzen. Wende Hass in Versöhnungsbereitschaft.

Wir beten um neue Wege zur Überwindung der Gewalt, dass die Waffen endlich schweigen, dass die Menschlichkeit siegt.

Gib den Mut zu Schritten der Versöhnung. Lass Du uns alle spüren, dass Du der Schöpfer und Vater aller Menschen bist!

Amen

 

 

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