Im Einsatz für eine menschenwürdige Ordnung

Wolfgang Waldstein im Porträt

Von Michaela Koller

SALZBURG, 18. Oktober 2014 (Vaticanista).- „Vor mir stand ein zauberhaftes älteres Ehepaar, das seine Diamanthochzeit beging“, schrieb die Autorin unter eine Aufnahme von der Begegnung mit Papst Benedikt XVI. vom 14. Dezember 2014. Erst durch eine Fügung erfuhr sie, dass es sich um Marie Theresa (Esi) (84) und Wolfgang Waldstein (86) handelte, beide dankbar für die „von Gott geschenkten glücklichen Ehejahre“, sechs Kinder, 24 Enkel und 18 Urenkel.

Die Suche nach einem verlorenen Notizbuch hatte „zufällig“ ihre Wege zusammengeführt. Nicht der Rechtshistoriker und seine Frau selbst, sondern der Generalobere des „Instituts Christus König und Hoherpriester“, dem die beiden damaligen Ehejubilare angehören, ermöglichte das Treffen mit dem inzwischen emeritierten Papst.

Professor Waldstein mit Impressionen vom Bergsteigen; Foto. M. Koller

Professor Waldstein mit Impressionen vom Bergsteigen; Foto. M. Koller

„Dies war eine besonders herzliche Begrüßung, bei welcher der Papst als Erstes zu Esi sagte, dass er noch oft dankbar an das schöne Abendessen denke, zu dem er einmal während meiner Zeit an der Lateran-Universität in unsere kleine Wohnung gekommen war. Dies lag rund fünfzehn Jahre zurück!“, schreibt Wolfgang Waldstein in „Mein Leben. Erinnerungen“ (Media Maria, 2013). Dass sich der Papst auch noch an Inhalte erinnern konnte, wird wohl seiner großen Wertschätzung geschuldet sein, die er diesem großen Streiter für das Naturrecht entgegenbringt. Keinen anderen Autor zitierte er bei seiner Ansprache über Wahrheit und Recht, der ersten Rede eines Pontifex vor einem gewählten deutschen Parlament im September 2011, so häufig wie Waldstein.

Der Naturrechtler sucht Wahrheit außerhalb der Offenbarung, aber auch im Hören auf Gott: In der Kirche des Klosters Maria Laach erlebte er im Sommer 1950, damals als Diözesanjugendführer, eine innere Bewegung, die ihn den Entschluss fassen ließ: „Ich will Gottes Willen suchen und tun, koste es, was es wolle.“ Als Glaubender nimmt er die Fügungen des Lebens mit Dank an Gott an. Der leidenschaftliche Bergsteiger erlebte sich seit seiner Kindheit mehrfach in lebensgefährlichen Situationen vom Herrn beschützt – immer auf eine Lebensaufgabe hin verwiesen, die sich seit der ersten Beschäftigung mit dem römischen Juristen Ulpian mit dem Bemühen um Gerechtigkeit als Aufgabe der Rechtswissenschaft abzeichnete.

Der Überlieferung der natürlichen Rechtsgrundsätze aus zwei Jahrtausenden europäischer Rechtsgeschichte im Dienste einer „menschenwürdigen Ordnung der menschlichen Gesellschaft und der Staaten“, galt sein wissenschaftlicher Einsatz als Professor von 1965 bis 1992 (für Römisches Recht und Rechtsphilosophie) an der Universität Salzburg. Seit dem 2. Jahrhundert vor Christus sei das Naturrecht der Sache nach in den Quellen belegt, betont er und beschreibt den Weg vom Stoiker Antipater von Tarsos in die „Digesten“ des Kaisers Justinian, von der griechischen in die römische Antike. Cicero war ein zentraler Vermittler dieser Erkenntnisse. „Die Wiederentdeckung hatte eine enorme Wirkung für Europa“, sagte Waldstein im Gespräch anlässlich ihres Besuchs in seinem Salzburger Domizil. „Ein Recht, das nicht von Menschen geschaffen ist, an das der Mensch sich jedoch halten muss“. Die natürlichen Rechtsgrundlagen seien keine christliche oder gar päpstliche Erfindung: „Der menschliche Geist ist fähig gewesen, einzusehen, dass ein Recht vor jedem menschlichen Recht existiert, das erhalten bleiben muss.“

In dem Moment, in dem Parlamente den Schutz der Ungeborenen aufhoben, setzte Waldstein zufolge ein Zerfall dieser hohen Rechtskultur ein, der er noch in einem gesegneten Alter entgegentritt, zuletzt mit dem Buchtitel „Hirntod – Organspende“ zusammen mit der Ärztin Regina Breul.

Die Achtung des Gesetzes, „das nicht von Menschen geschaffen ist“, zeigt in seinem eigenen Leben Wirkung: „Ich möchte ganz besonders und aus tiefster Seele dafür danken, dass Papst Paul VI., der uns als Substitut Montini die Segenswünsche von Papst Pius XII. zu unserer Hochzeit übermittelt hatte, dem Druck der vermeintlichen „Befreier“ standgehalten und mit der Enzyklika Humanae Vitae die Wahrheit verkündet hat, die wirklich frei macht, und dass Papst Johannes Paul II. diese Wahrheit mit dem Apostolischen Schreiben Familiaris Consortio bekräftigt hat. Ich kann nur wünschen, den Menschen, die meinten, diese Lehre nicht annehmen zu können, die Erfahrung vermitteln zu können, welches Geschenk diese Lehre für die Ehe ist und welch tiefes und dauerhaftes Glück aus ihrer Befolgung erwächst“, schreibt er in seinen Lebenserinnerungen. Mit Blick auf die bevorstehende Familiensynode zeigt sich die zeitlose Gültigkeit der Erkenntnisse Waldsteins wieder aktuell

Zur Person: Der international anerkannte Experte für das Naturrecht Wolfgang Waldstein wurde 1928 in Hangö in Finnland geboren. Nach dem Ausbruch des sowjetisch-finnischen Krieges kam die Familie 1940 nach Salzburg. Ab 1964 lehrte er zunächst in Innsbruck, dann ein Jahr darauf in Salzburg Römisches Recht. Von 1996 bis 1998 war Professor Waldstein Ordinarius an der Zivilrechtlichen Fakultät der Päpstlichen Lateran-Universität in Rom. Zehn Jahre lang, von 1994 bis 2004, war er Mitglied der Päpstlichen Akademie für das Leben.

[Das Porträt erschien erstmals in gekürzter Fassung in der Oktober-Ausgabe des PUR-Magazins]

Buchtipps: Wolfgang Waldstein. Mein Leben – Erinnerungen. Illertissen, Media Maria, 2013. ISBN 978-3-9815943-4-8; 18,50 EUR.

Wolfgang Waldstein. Ins Herz geschrieben. Augsburg, Sankt Ulrich Verlag, 2010. ISBN: 978-3-86744-137-7; 19 EUR.

 

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