Christen als Minderheit sichtbar und stark präsent

Sonntag der Weltmission mit Beispielland Pakistan

Von Michaela Koller

MÜNCHEN, 26. Oktober 2014 (Vaticanista/Die Tagespost).- Die schwierige Situation der Christen in Pakistan steht an diesem Sonntag, der weltweit als Sonntag der Weltmission begangen wird, beim internationalen katholischen Missionswerk Missio im Fokus. „Wir erleben einen wachsenden Trend der Islamisierung des Landes“, erklärte Erzbischof Joseph Coutts, Erzbischof von Karachi und Vorsitzender der Pakistanischen Bischofskonferenz am Dienstag in München. Das Ziel islamischer Eiferer in Pakistan sei es, dort eine islamische Theokratie zu errichten.

Die Christen wären dann nicht mehr gleichberechtigte Bürger, wenn es so weiter ginge, sondern müssten eine Kopfsteuer zahlen und würden lediglich noch toleriert. Schon jetzt erleben sie vielfach gesellschaftliche Diskriminierung, wenn es etwa um Arbeitsplätze und Beförderungen geht. „Pakistan befindet sich derzeit in einer sehr bedeutenden Phase seiner Geschichte“, sagte Coutts. Taliban-Extremisten setzten die Regierung durch terroristische Taktik unter Druck, beklagte der Erzbischof. Als Beispiel nannte er das Selbstmordattentat auf eine Kirche in der Stadt Peshawar im September 2013, bei dem mehr als 80 Menschen ums Leben kamen. „Das war eine wirklich traumatische Erfahrung für uns“, sagte er. Die Islamisten versuchten, die Demokratie zu zerstören und so würden eben auch „moderate Muslime“ zur Zielscheibe.

Copyright: Missio, Fritz Stark

Copyright: Missio, Fritz Stark

Die christliche Minderheit in dem islamischen Land macht gerade einmal zwei Prozent aus, meist Nachfahren von kastenlosen Hindus, die Mitte des 19. Jahrhunderts zum Christentum konvertierten und heute noch nicht zu den oberen Gesellschaftsschichten gehören. Durch ihr Engagement im Bildungs- und Gesundheitswesen, gerade auch der katholischen Kirche und durch die Unterstützung von Hilfswerken, reiche die Präsenz, die sichtbar sei, viel weiter, wie Coutts betonte. „Wir führen Schulen, Krankenhäuser und engagieren uns für Behinderte.“ Lediglich die Hälfte der Bevölkerung könne Lesen und Schreiben, weshalb Alphabetisierungsprojekte von Bedeutung seien. Die Einrichtungen stehen jedem offen. In vielen Schulen lernten mehr Muslime als Katholiken. Die Christen legten durch ihren Einsatz und ihr Auftreten in der islamischen Gesellschaft, die von Gewalt geprägt sei, „ein Zeugnis für christliche Werte“ ab. Es sei eine Präsenz „der Liebe, des Dienstes und der Friedfertigkeit“.

Einige wenige Christen sitzen als Volksvertreter in den regionalen aber auch in den nationalen Parlamentskammern. Pakistan wurde 1947 von dem antikolonialen Widerstandskämpfer Mohammed Ali Jinnah als säkularer Staat und mit Gleichberechtigung aller Religionen gegründet. Ein erster Trend zur Islamisierung, der eine Stärkung der islamischen Parteien bedeutete, setzte unter dem Diktator General Zia-ul-Haq (1977 bis 1988) ein. „In dieser Zeit wurden auch die Blasphemiegesetze eingeführt“, sagte Coutts. Der Blasphemie-Paragraf 295 C des pakistanischen Strafgesetzbuchs besagt, dass jedem, der den Propheten Mohammed direkt oder indirekt beleidigt, die Todesstrafe droht. Der Paragraf 295 B schreibt vor, die Schändung des Korans mit lebenslanger Haft zu ahnden. Die Gefahr, die von dem Gesetz ausgeht, besteht nicht allein in den drakonischen Strafen, sondern auch in der oftmals bedenklichen Art der Beweisführung. Anzeigen aus Rache oder Neid etwa sind keine Seltenheit. „Es kann von jedem leicht missbraucht werden“. Zurzeit säßen eine Reihe von Christen allein aufgrund solcher Feindseligkeiten hinter Gittern.

Der Erzbischof kam auch auf den Fall Asia Bibi zu sprechen, deren Todesurteil kürzlich durch ein weiteres Gericht bestätigt worden sei. „Wir haben in dem Fall noch die Möglichkeit, vor dem Obersten Gerichtshof in Berufung zu gehen und unsere Anwälte werden das auch tun“, kündigte Coutts an. „Bis jetzt ist noch niemand aufgrund dieses Gesetzes hingerichtet worden. Jedoch sind viele Menschen bei den Wutausbrüchen des Mobs nach solchen Fällen umgebracht worden“, sagte er. Zuweilen werden ganze christliche Gemeinschaften wegen so eines Verdachtsfalles angegriffen. „Wir leben daher in einem Zustand dauernder Anspannung, sogar wenn sich etwas im Westen wie im Fall der Mohammed-Karikaturen ereignet“, beklagte der Würdenträger.

Noch immer erlebten besonders Mädchen und Frauen enorme Benachteiligung in der Gesellschaft, wenn es auch einzelne Fälle von hohen weiblichen Verantwortungsträgern gebe. „Wir sind wirklich einerseits ein Land, das in dieser Hinsicht in der modernen Welt ankommt. Aber zugleich erleben wir sehr viele Fanatiker, Anhänger eines Taliban-Islam, die uns in eine sehr rigide Gesellschaft zurückführen möchten.“ Sein Heimatland sei über die diesjährige Verleihung Friedensnobelpreises an die Kinderrechtsaktivistin Malala Yousafzai mit Stolz erfüllt, weil es eine andere Seite Pakistans zeige, „jenseits des Terrorismus“.

Der Sonntag der Weltmission ist die größte Solidaritätsaktion der katholischen Kirche und steht unter dem Leitwort aus dem Johannesevangelium „Euer Kummer wird sich in Freude verwandeln“. Missio-Präsident Monsignore Wolfgang Huber: „So können wir auch lernen, wie vielfältig der Glaube gelebt wird und welche Früchte er trägt.“ Die Solidaritätsaktion zeige, dass katholische Christen weltweit zusammengehören und füreinander einstehen. Missio unterstützt die christlichen Pakistani bei der Ausbildung von Katechisten, mit der Förderung von Bildungsprojekten für Mädchen. Hilfe beim Aufbau von Kirchen und Kapellen sowie nach Naturkatastrophen gehört ebenso dazu.

[Erstveröffentlichung: Die Tagespost, 22. Oktober 2014]

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