Christen auf dem Schachbrett der Propaganda

Was in Hongkong auf dem Spiel steht

Von Michaela Koller

HONGKONG, 26. Oktober 2014 (Vaticanista/Die Tagespost).- Eine gewaltsame Eskalation der Proteste in der Sonderverwaltungszone in Hongkong konnte vermieden werden. Nun sind erstmals seit Beginn der Kundgebungen Vertreter der Demonstranten und der Regierung zu einem Gespräch zusammen gekommen und es könnte sich bald eine Einigung abzeichnen. Obwohl aus Peking kein Signal kam, auf deren Forderungen einzugehen, kündigten die Protestierenden bereits Anfang des Monats einen Teilrückzug an. Die Regierung soll so ungehindert ihre Arbeit fortsetzen können.

Es sind gerade auch christliche Stimmen, die die Gefahr der Situation erkannt haben und sich um Deeskalation bemühen. Ihre Glaubwürdigkeit ist das Einzige, was die Demonstranten der Macht entgegensetzen können, die sie derzeit herausfordern. Schon verbreiten große Medien in Hongkong Pro-Peking-Propaganda, stellen die Erhebungen als im Hinblick auf Wirtschaft und Sicherheit gefährdend sowie vom Westen beeinflusst dar. Der Studentenführer Joshua Wong, ein Christ, sei durch die US-Regierung manipuliert.

Mitten unter den Demonstranten ist Hongkongs ehemaliger katholischer Oberhirte, Kardinal Joseph Zen Je-kuin. Der 82-Jährige demonstriert regelmäßig mit und ist im Zivilprotest mit allen Wassern gewaschen. „Über die Führung sind alle verärgert, aber sie protestieren gewaltlos, auf friedliche Weise“, wendet er sich in US-amerikanischen Medien gegen die Propaganda. Jedoch warteten diese auf eine Antwort der Regierung, die bislang nicht weise reagiert habe. „Ich bin besorgt. Die Situation ist sehr gefährlich“, sagte er. Ein Sieg, der Menschenleben erfordere sei kein Sieg. Er bete dafür, dass die Kundgebungen nicht wie am Tiananmen-Platz in Peking endeten, wo am 4. Juni 1989 die Demokratiebewegung blutig niedergeschlagen wurde. Der Kardinal fürchtet jedoch, die friedlichen demokratischen Kräfte könnten von Agents provocateurs unterwandert werden. Zen hofft darauf, dass auf einen Rücktritt von Verwaltungschef Leung Chun-ying. So könne der Weg für einen Dialog zwischen Peking und der Demokratiebewegung freigemacht werden. Sein Amtsnachfolger Kardinal Tong formulierte bereits einen dringenden Appell an beide Seiten, sich dem Dialog zu öffnen.

Wenn sich Christen aus tiefer Überzeugung heraus auf der Basis etwa der katholischen Soziallehre für mehr demokratische Öffnung einsetzen, berühren sie eben auch das Spannungsverhältnis zwischen dem Macht- und Kontrollanspruch der Kommunistischen Partei und der Religionsfreiheit. Deren Entwicklung und in der Konsequenz die Verbesserung der chinesisch-vatikanischen Beziehungen stagniert trotz Hoffnung weckender Signale, wie die Überflugerlaubnis für das päpstliche Flugzeug im Rahmen der Koreareise von Papst Franziskus. Angesichts dessen internationaler Anerkennung als moralischer Stimme könnte dies auch nur ein Zug auf dem Schachbrett der Propaganda gewesen sein.

 

Artikel drucken

Dieser Beitrag wurde unter Bewegungen - Initiativen, Nachrichten, Religionsfreiheit - Menschenwürde veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.