Stärkung christlicher Identität statt Islamfurcht

Bischof Oster: Glaubensvertiefung und Zeugnis gegen politische Bedeutungslosigkeit und Irrwege

Von Michaela Koller

PASSAU, 31. Dezember 2014 (Vaticanista/ZENIT.org).- Vor „äußerem Streben nach Macht, Einfluss und öffentlicher Wahrnehmung“ warnt Bischof Stefan Oster von Passau die Christen in einer Stellungnahme im sozialen Netzwerk Facebook. Der Bedeutungsverlust der Kirchen im Prozess politischer Willensbildung stehe im Zusammenhang mit einem Identitätsproblem ihrer Mitglieder. Mit Glaubensvertiefung und Glaubenszeugnis sei diesem zu begegnen. „Im Maß, in dem Christen glaubwürdig leben und bezeugen, dass sie deshalb anders leben, weil sie zu Christus und zum Reich Gottes gehören, werden sie von selbst eine politische Größe, mit der Staat und Kultur zu rechnen haben“, schreibt er.

Der Bischof reagierte in seinen Ausführungen eigenen Angaben zufolge auf häufigere Anfragen zu politischen Positionen. Er betonte, seine erste Aufgabe sei es das Evangelium zu verkünden, während politische Äußerungen nachrangig seien. Unter seiner ersten Weihnachtsbotschaft im Amt als Bischof der ostbayerischen Diözese hatten Facebook-Nutzer „ein bischöfliches Wort zu Pegida“ gefordert. Wenn Christen bei Pegida mitmarschierten, suchten sie womöglich nach einer stabilen Identität, die sie durch ihre Kirche nicht mehr fänden, weil sich ihnen der Zusammenhang zwischen Kirche und dem Eintritt in Gottes Reich kaum mehr erschließe.

„Ich bin aber zusätzlich davon überzeugt, dass uns aus der Herzenserkenntnis Jesu und aus dem damit verbundenen Eintritt in sein Reich und ins Reich des Vaters auch die politischen Überzeugungen zuwachsen, die für uns besonders relevant sind“, schreibt Oster weiter. Zu den Beispielen, die er nennt, zählen der unbedingte Schutz und die Achtung der Personwürde vom Moment der Empfängnis bis zum natürlichen Tod, unabhängig etwa von Herkunft, Geschlecht, Nation, religiösem Bekenntnis sowie das Engagement für die wenig Privilegierten, für Bildung, für den Erhalt der Familien, für die Bewahrung der Schöpfung, für ein gerechtes Wirtschaftssystem und für den Schutz von Minderheiten.

Mit Blick auf die Beteiligung von Christen an Anti-Islam-Demonstrationen warnte Oster vor einer Identitätssicherung durch Abgrenzung: Dabei artikuliere sich schwache Identität, die sich vor starker oder vermeintlich stärkerer Identität fürchte. „Und wie könnten wir Furcht vor Islamisierung haben, wenn wir wirklich in Christus stünden, weil wir Ihn kennen und lieben?“, fragt der Bischof. Die eigentliche Auseinandersetzung mit dem Islam finde auf politischer Ebene statt, da die Frage nach dem Verhältnis von Glaubensgemeinschaft und Politik Christen und Muslime sehr verschieden beantworteten. Die im Christentum verankerte kritische Stellungnahme und Distanz zu politischer Macht habe es in dieser starken Ausprägung im Islam nicht gegeben. „Mir hat sich bislang jedenfalls noch nicht erschlossen, worin seit Christus und dem, was das Evangelium über ihn sagt, die besondere spirituelle oder intellektuelle Herausforderung bestünde, vor die uns der Islam stellt“, schreibt Bischof Oster.

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