Erzbischof Schick: Zunahme von Übergriffen auf Juden erschreckend

Gedenken zum 70. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz

Von Michaela Koller

MÜNCHEN, 27. Januar 2015 (Vaticanista/ZENIT.org).- Christen haben aus Anlass des 70. Jahrestags der Befreiung des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz durch Truppen der Sowjetunion am heutigen Dienstag an die Opfer des Holocaust gedacht: In Gottesdiensten, Gedenkstunden sowie Erklärungen. Vor einem erneuten Aufflammen einer tödlichen Judenfeindlichkeit warnte etwa der Bamberger Erzbischof Ludwig Schick: „Es ist nicht zu begreifen, dass trotz der furchtbaren Geschichte todbringender Antisemitismus mitten in unserer Gesellschaft vorhanden ist.“ Es sei erschreckend, dass Übergriffe auf Juden zunehmen anstatt aufzuhören und dass Antisemitismus in manchen Kreisen wieder salonfähig zu werden drohe.

Schmierereien, Beleidigungen, Angriffe, bewachte Schulen und Gottesdienste unter Polizeischutz – es sei nicht zu tolerieren, dass Menschen jüdischen Glaubens in Europa aus Angst um ihr Leben hinter Mauern leben müssen. Er appellierte, die Erinnerung an die Millionen Opfer des Holocausts hochzuhalten, damit die Gesellschaft und auch künftige Generationen die verheerenden Folgen blinden Hasses vor Augen haben. Der Erzbischof betonte noch einmal die Verantwortung der Christen in den aktuellen politischen Debatten:

„Wer an rassistischen Aktionen teilnimmt, trägt dazu bei, irrationale Ängste gegenüber Menschen von woanders und anderen Glaubens zu schüren.“ Politiker und Meinungsmacher, die irrationale Ängste gegen Fremdes vorantreiben und instrumentalisieren, um Macht zu erhalten, trügen zur Spaltung der Gesellschaft bei. „Es ist unverantwortlich, auf Kosten der Menschlichkeit nach Macht zu streben.“ Jedem Gläubigen müsse aber die Gleichheit aller Menschen einleuchten, „sie ist in der Erschaffung des Menschen durch Gott nach seinem Ebenbild begründet“, betonte der Erzbischof.

An diesem runden Gedenktag kommen 300 ehemalige Häftlinge aus der ganzen Welt in Auschwitz zusammen. Das Osteuropa-Hilfswerk der katholischen Kirche in Deutschland Renovabis fördert dort seit 1998 das Zentrum für Dialog und Gebet. Es lädt zu Besinnung, Begegnung, Lernen und Gebet ein und soll helfen, die Opfer zu ehren und eine Welt des gegenseitigen Respekts, der Versöhnung und des Friedens zu gestalten. Pfarrer Manfred Deselaers, Seelsorger der Deutschen Bischofskonferenz dort, betonte in einem im Interview die Bedeutung lebendiger Erinnerung. „Wenn wir uns als Deutsche, Polen, Israelis oder Russen hier begegnen, ist ja die Vergangenheit irgendwie dabei – und damit sind es auch die Wunden, die in den Familien und Völkern fortwirken.“

Noch lebten die Begegnungen dort von den Zeitzeugenberichten mit ihrer menschlichen Dimension. Mit der Zeit werde das aber zunehmend fehlen. Groß ist bei diesen Begegnungen die menschliche Dimension, oft in großer Betroffenheit, aber auch fast immer irgendwie herzlich, beseelt vom Wunsch, gut miteinander leben zu können. „Noch gelingt es uns, dass fast jede Gruppe, die hier einen mehrtägigen Studienaufenthalt verbringt, mit einem ehemaligen Häftling sprechen kann.“ Natürlich wird das in Zukunft immer mehr fehlen. Aber die Betroffenheit durch die menschliche Begegnung setzt sich in den nächsten Generationen fort. Die heutigen Gefahren für den Frieden würden auch behandelt: „Verantwortlich sind wir für die Zukunft“, sagte Deselaers. In den letzten Jahren seien dort viele Friedensinitiativen entstanden.

Vertreter der Juden in Deutschland besorgt in diesen Tagen die islamistische Gefahr: Der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland Josef Schuster erklärte: „Insbesondere Angriffe von extremistischen Muslimen sind zu einer zusätzlichen Gefahr für die jüdische Gemeinschaft geworden. Davor darf niemand die Augen verschließen. Alle sind aufgerufen, sich dieser Bedrohung entgegenzustellen und jüdisches Leben zu schützen.“ Die Vizepräsidentin des Jüdischen Weltkongresses und Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde von München und Oberbayern Charlotte Knobloch fordert von Politik und Zivilgesellschaft ein deutliches Eintreten für gemeinsame freiheitliche Werte: „Die Antwort der demokratischen Gesellschaften auf diesen islamistischen Terror kann nur lauten: Nie wieder!“

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