„Sie sollen sie spüren lassen, dass sie willkommen sind“

Interview mit dem Leiter des Jesuiten-Flüchtlingsdienstes in Deutschland

Von Michaela Koller

BERLIN, 29. Januar 2015 (Vaticanista/ZENIT.org).- Nur etwa ein Prozent der weltweit 51 Millionen Menschen auf der Flucht gelangen nach Europa. Der Jesuitenpater Frido Pflüger sieht keinen Anhaltspunkt dafür, dass der Kontinent von Migranten aus dem Süden überrannt werde. Der Leiter des Jesuiten-Flüchtlingsdienstes in Deutschland berichtete kürzlich bei einer Tagung der Katholischen Akademie in Bayern, wie er Betroffenen begegnet sei, die mit Tränen in den Augen über ihren Wunsch sprachen, in die Heimat zurückzukehren. Wesentlich bei der Sorge um die Flüchtlinge sei die Frage: „Wie schaffen wir es, ihnen ein sinnerfülltes Leben zu gestalten?“ Der Jesuiten-Flüchtlingsdienst (JRS) engagiert sich seit 1996 mit zwei Büros in Deutschland für Abschiebungshäftlinge, sogenannte Geduldete und Menschen ohne Aufenthaltsstatus. Schwerpunkte seiner Arbeit sind die Seelsorge in der Abschiebungshaft (Berlin, Eisenhüttenstadt und Bayern/Mühldorf), in Berlin die Härtefallberatung und die Verfahrensberatung bei Aufenthaltsproblemen. Der Dienst berät auch Gemeinden, die Flüchtlingen Kirchenasyl gewähren. Michaela Koller befragte Pater Frido Pflüger SJ aus Berlin.

Jesuitenpater Pflüger; Copyirght: Angelika Mendes JRS

Jesuitenpater Pflüger; Copyirght: Angelika Mendes JRS

Was ist Ihre hauptsächliche Aufgabe?

P. Pflüger: Ich bin hier in Berlin mit der Beratung in Härtefällen direkt betraut, was mein Hauptgebiet ist, und ich vertrete auch das Erzbistum Berlin in der Härtefallkommission. Zu uns kommen Menschen, die bereits seit vielen Jahren in Deutschland leben, die aber alle Aufenthaltstitel verloren haben, sei es, dass sie volljährig geworden und daher nicht mehr an den Aufenthalt der Eltern gebunden sind, oder eine Ehe auseinanderging und sie deshalb den Aufenthaltstitel durch den deutschen Ehepartner nicht mehr haben. Die Leute sind oft schon fünf bis 15 Jahre hier. Viele leben auch viele Jahre nur mit Duldungen, weil ihre Identität unklar war und man ihnen vorwirft, nicht aktiv an der Beschaffung eines Passes zu arbeiten. Das bedeutet, dass sie oft gar nicht arbeiten dürfen.

Was bedeutet das für das Leben der Menschen?

P. Pflüger: Weil sie über Jahre hinweg in einer unsicheren Situation leben und nicht arbeiten dürfen, hat das die Konsequenz, dass sehr viele Leute, mit denen wir hier in der Härtefallberatung zu tun haben, wirklich psychisch krank sind. Sie kommen zu uns in die Sprechstunde und wir schauen uns jedes Problem sehr deutlich an und prüfen, ob es die Möglichkeit gibt, aus humanitären Gründen den Innenminister des Landes zu bitten, Gnade vor Recht ergehen zu lassen und daher den Aufenthalt zu genehmigen. In der Härtefallkommission wird dann entschieden, ob der Antrag an den Senator weitergeleitet wird.

Von welchen Problemen wissen Sie im Asylverfahren?

P. Pflüger: Wie ich höre, kommt es immer wieder vor, dass die Befragung schwierig ist. Das ist auch ein Problem der Schulung der Befrager. Leute, die traumatisiert oder sogar schwer traumatisiert sind, reden nicht einfach über ihre Erfahrungen so frisch drauf los. Da muss man als Befrager sehr geschickt sein, um das herauszufinden. Das betrifft alle Arten von Traumatisierung, sei es durch Gewalt, durch sexuelle Gewalt, durch kriegerische Erfahrungen: Es bedarf dazu einer ganz geschickten, guten und einfühlsamen Technik des Fragestellers. Da sind doch einige von ihnen überfordert, und die echten Asylgründe werden nicht entdeckt. Eine alte Forderung lautet, dass die Verfahren nicht so lang dauern sollen. Manchmal dauert es neun bis 15 Monate, bis ein Verfahren abgeschlossen wird. In dieser Zeit sind kaum Integrationsmaßnahmen möglich, und das ist viel tote Zeit, in denen die Flüchtlinge nichts machen können.

Kirchenasyl ist auch ein Thema, zu dem der JRS Beratung anbietet. In vielen Fällen besteht die Absicht, die Frist von sechs Monaten zu überbrücken, um das Asylverfahren in Deutschland zu erreichen…

P. Pflüger: Das betrifft die Dublin-Abschiebungen. Viele der Syrer etwa, die zu uns gelangen, kommen über Bulgarien und Griechenland. Das heißt, dass sie zunächst ein anderes EU-Land betreten. Und damit ist dieses andere EU-Land zuständig für die Behandlung des Asylverfahrens. Diese Leute werden, wenn sie aufgegriffen werden, wieder zurückgeschoben. In der Abschiebehaft finden wir Menschen, die dem Krieg in Syrien und damit furchtbaren Zuständen entkommen sind, die sich dabei durch widrige Umstände durchgeschlagen haben, und die nun zum Beispiel nach Bulgarien abgeschoben werden sollen. Dort sind sie nicht versorgt, sondern in den Gefängnissen untergebracht und schlecht medizinisch versorgt. Das heißt im Klartext, die Zustände sind oft katastrophal. Das einzige Land aber, wo niemand mehr hingebracht werden darf wegen solch schlechter Zustände, ist bis jetzt Griechenland.

Wie entsteht der Eindruck, Deutschland stoße mit der Aufnahme von Flüchtlingen an sein Limit?

P. Pflüger: Das ist eine sehr eigenartige Situation, denn den Prozentzahlen zufolge sind wir nicht von der Hauptlast der Flüchtlingsströme in dieser Welt betroffen. Mindestens 51 Millionen Menschen sind auf der Flucht vor Krieg, Gewalt und Naturkatastrophen. Bei uns treffen 200.000 Asylbewerber im Jahr ein. Das sind ja nicht einmal 0,5 Prozent. Das Problem ist, dass wir all die Kapazitäten abgebaut haben, die vor Jahren noch da waren. Da stecken wir in dem Dilemma, dass wir uns jetzt schwer tun, Heime zu finden. Viel besser wäre es, wenn man die Menschen möglichst schnell in Wohnungen unterbringen würde. Es gibt auch Städte, die das tun, und so auch gleichzeitig erreichen, dass die Menschen viel schneller integriert werden. Viele Kommunen sind mit der Situation überfordert, weil die Regierungen nicht rechtzeitig, als es schon absehbar war, gehandelt haben.

Was bedeutet die Herausforderung durch weltweite Flucht für Christen?

P. Pflüger: Ausgehend von unserem christlichen Glauben und dem christlichen Menschenbild, sind wir ohnehin gefordert, uns um Menschen auf der Flucht oder Menschen, denen es schlecht geht, zu sorgen. Im Christentum kennen wir auch diesen engen Nationalbegriff nicht. Es geht darum, dass wir alle Söhne und Töchter desselben Vaters sind. Ich merke, dass viele Kirchengemeinden in diesen Fragen sehr offen sind. Das bedeutet nicht nur Kirchenasyl zu gewähren, sondern einfach, dass sie die Menschen in den Heimen unterstützen und sie dort besuchen. Sie sollen sie spüren lassen, dass sie willkommen sind. Vielerorts merken die Menschen, dass die Flüchtlinge eine Bereicherung sein können. So könnten zum Beispiel in Gemeinden, in denen Schulen geschlossen werden, weil die Anzahl der Kinder zu klein ist, Asylbewerber mit ihren Kindern aufgenommen werden, und damit könnte auch die Schule gehalten werden.

 

 

 

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