„Den syrischen Flüchtlingen geht langsam das Geld aus“

Christliche Flüchtlingshilfe in der ägyptischen Hauptstadt Kairo

Von Michaela Koller

KAIRO, 26. Februar 2015 (Vaticanista/ZENIT.org).- Ein rosa gekleidete kleines afrikanisches Mädchen läuft auf die Autorin zu, betrachtet ihr Gesicht und läuft quiekend zurück, kommt wieder, lacht erneut schrill auf und rennt davon. Frauen, in knallbunte Stoffe gehüllt, sitzen vor dem Zentrum von Refuge Egypt, einer der großen Flüchtlingsorganisationen in der ägyptischen Hauptstadt Kairo. Der Hauptsitz ist bei der Allerheiligenkathedrale hinter dem vornehmen Gezira-Palast beheimatet, mitten im Diplomatenviertel Zamalek.

Wartende Flüchtlinge; Foto: M. Koller

Wartende Flüchtlinge; Foto: M. Koller

Die Organisation steht unter dem Dach des karitativen Engagements der anglikanischen Diözese, das organisatorisch von Episco Care gesteuert und von einem Katholiken, Maged Moussa Yanny, geleitet wird. Auf einer Steinskulptur, die wie eine große Muschel mit einer aufgeschlagenen Bibel aussieht, ist zu lesen: „Ich rief meinen Sohn aus Ägypten“, nach Hosea Kapitel 11. Selbst Jesus Christus, zusammen mit Mutter Maria und Stiefvater Josef, war Flüchtling in diesem Land.

 

Die Afrikanerinnen vor dem Haus warten auf Unterstützung. Es ist eine Szene, die seit Jahrzehnten hier beinah täglich ähnlich zu sehen ist. Viele Flüchtlinge aus Afrika oder arabischen Ländern suchen zunächst Asyl in sicheren Ländern ihrer Region. Ägypten, am Scheideweg zwischen Vorderasien und Afrika, nimmt trotz vielfältiger wirtschaftlicher Probleme jedes Jahr mindestens so viele Flüchtlinge auf wie Deutschland, trotz größter Bevölkerungsdichte. Die Gesamtzahl allein derer, die sich beim UN-Flüchtlingswerk UNHCR registrieren ließen, betrug im Jahr 2014 mehr als 191.496.

Und das sind längst nicht alle, denn dort müssen sie erst einmal ihren Pass abgeben, worauf sich viele nun doch nicht gerne einlassen. „Generell werden Menschen, die hier Zuflucht suchen, als Asylanten aufgenommen“, sagt der Kanadier Chris Rupke, Direktor von Refuge Egypt, in seinem winzigen Büro im Untergeschoss. Dass das Land am Nil jemand an der Grenze abweise, davon sei ihm nichts bekannt. Er wisse von einigen Abkommen, die zwischen Ägypten und dem Sudan unterzeichnet worden sind. Wenn Flüchtlinge aber ohne Pass aus Alexandria mit dem Schiff nach Europa fahren wollten, so gebe es Probleme: „Sie nennen es illegale Ausreise. Wenn sie geschnappt werden, landen sie im Gefängnis.“ Wenn Refuge Egypt angerufen wird, sorgen sie sich auch um die, die ganz unten gelandet sind.

In der Bevölkerung willkommen sind die Menschen, die vor Krieg, Katastrophen, Verfolgung oder Hunger fliehend hierhin kommen, nicht. „Die Sudanesen, die Kinder der Sudanesen, werden auf der Straße geschlagen“, berichtet Rupke. Ein anderes Problem ist es, sich über Wasser zu halten: Die Flüchtlinge benötigten eine Arbeitserlaubnis für qualifizierte Beschäftigungsverhältnisse. Die Genehmigung sei schwer zu bekommen. Als Hausmädchen, Erntehelfer, die häufig ausgebeutet werden, könnten sie ohne behördliche Genehmigung anheuern.

Von Mitte 2012 bis Mitte 2013 kamen mehr als 100.000 Syrer an den Nil. Die Regierung unter dem aktuellen Präsidenten Abd al-Fattah as-Sisi verlangt nun von ihnen ein Visum, so dass die Zahl sich drastisch – auf schätzungsweise 6.000 bis 8.000 – reduzierte. Die meisten von ihnen sind recht wohlhabend, weil es diejenigen sind, die mit dem Flugzeug Ägypten erreichen. „Sie hatten Geld, als sie kamen. Nun, da das Problem schon so lange anhält, geht ihnen das Geld aus.“ Es sei zwar auch ein Kampf, wenn man all die Dinge, die sie gewohnt waren zu besitzen, nie zur Verfügung habe; zum Beispiel ein Auto, eine nette Wohnung und genügend Nahrungsmittel zu den Mahlzeiten auf dem Tisch. Aber für sie sei der Absturz hier eine besondere Herausforderung. „Es ist mehr psychologisch zu erklären“, fügt Rupke hinzu. „Auch die Syrer werden wohl von der Bevölkerung im allgemeinen zurückgewiesen“, gibt er zu bedenken. Wenn es einigen gelungen ist, hier ein Geschäft aufzuziehen, und so der Verarmung zu entgehen, ziehen sie den Neid der Einheimischen auf sich.

Refuge Egypt finanziert sich durch Zuschüsse des UN-Flüchtlingswerks sowie durch private Spenden. Wer sich bei der UNHCR registrieren lässt, erhält automatisch Zugang zu allen Angeboten von Refuge Egypt, darunter medizinische Dienste wie sechs Babykliniken und psychosoziale Beratung, Unterstützung mit Nahrungsmitteln sowie Bildungsprogramme, wie Erwachsenenbildung und berufliches Training, Englischkurse sowie eine Vorschule – das meiste davon geht weit über das Angebot der UNO hinaus. „Sie können sich aber auch erst einmal nur bei uns registrieren lassen. Wir geben ihnen dafür ein halbes Jahr Zeit.“ Dieses Angebot nehmen rund 5.000 im Jahr an.

In der Vorschule lernen 48 Kinder im Alter von drei bis sechs Jahren Arabisch, Englisch und Bibelkunde nach der Montessori-Methode. „Mittags bekommen die Kleinen auch ein Essen, damit wir sicher sind, dass sie gut genährt sind“, berichtet Rupke. Fünf Lehrkräfte und drei Hausangestellte sorgen für die Kinder.

Neben Refuge Egypt kooperieren noch andere christliche Organisationen mit der UNO, die sich monatlich untereinander abstimmten und unter denen die Caritas die Größte sei. Die Mehrzahl der Fälle, die Refuge Egypt betreute, seien schwangere Mütter, die sie auch eine Zeit nach der Geburt medizinisch und sozial begleiteten. Mütter mit kleinen Kindern sind besonders willkommen: „Selbst, wenn sie nicht unterernährt sind, geben wir ihnen Nahrungsmittel mit“, erklärt Rupke. „Damit sie zur Impfung ihrer Kinder oder Überwachung der Rekonvaleszenz nach einer der häufigen Tuberkulose-Erkrankungen wiederkommen.“ Sogar Rachitis sei überraschend weit verbreitet, weil Kinder oft tagsüber eingesperrt werden, während die Eltern für den Unterhalt arbeiten. Auf alles versuchen sie, einen wachsamen Blick zu werfen. Als die Autorin nach dem Gespräch das Zentrum verlässt, warten immer noch viele Mütter, darunter einige mit Säuglingen im Arm, davor. Auch sie werden mit Früchten, Gemüse und Getreide wieder von dort zurück gehen.

 

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