„Boko Haram führt einen Religionskrieg gegen die Christen“

Jahreshauptversammlung der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte in Bonn

Von Michaela Koller

BONN, 19. März 2015 (Vaticanista/ZENIT.org).- Drei Viertel aller Menschen weltweit sind „starker Einschränkungen“ ihrer Religionsfreiheit ausgesetzt. Diese erschreckende Bilanz hat am Samstag der neu gewählte Geschäftsführende Vorsitzende der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM) Professor Rainer Rothfuß gezogen. Vor Journalisten in Bonn im Rahmen der diesjährigen Jahreshauptversammlung widersprach der Tübinger Humangeograph der weitverbreiteten Darstellung, in der Auseinandersetzung mit der radikalislamischen Sekte Boko Haram in Nigeria handele es sich um einen durch Armut angefachten Konflikt.

„48,8 Prozent der Gewaltakte richteten sich gegen christliche und 4,7 Prozent gegen islamische Einrichtungen“, zitierte Rothfuß aus einer Studie über den Zeitraum 2010 bis 1. Dezember 2015. Boko Haram führe einen Religionskrieg gegen die Christen. Bei Anschlägen auf Moscheen seien vor allem muslimische Kritiker das eigentliche Ziel der Gewalt. „Wir dürfen das nicht verwässern“, warnte Rothfuß.

Karl Hafen übergibt sein Amt an den neugewählten Rainer Rothfuß; Copyright: IGFM

Karl Hafen übergibt sein Amt an den neugewählten Rainer Rothfuß; Copyright: IGFM

Das Spektrum an Menschenrechtsverletzungen, mit dem sich die IGFM bei der Tagung beschäftigte, war breit: Von Einschränkung der Religionsfreiheit, struktureller Diskriminierung, Rassismus und Verstößen gegen die Versammlungsfreiheit war die Rede. In geographischer Hinsicht erstreckten sich die Berichte von Nigeria über Vorderasien, den Mittleren Osten, Zentral- und Südasien, konkret Pakistan mit seinen zur Verfolgung missbrauchten Blasphemiegesetzen, bis in die Karibik nach Kuba. Dort kämpfen Frauen für die Freiheit ihrer Männer, die Damen in Weiß. Sie demonstrieren sonntags seit dem Schwarzen Frühling im Jahr 2003, als 70 Dissidenten inhaftiert wurden, für die Freilassung:

Erst beten sie zusammen in der Kirche und dann ziehen sie ganz in Weiß gekleidet mit Gladiolen in der Hand durch die Straßen. So tat es auch Sonia Garro. Sie wurde selbst eingesperrt: Zwei Jahre, neun Monate, 22 Tage lang in einer feuchten und nackten Zelle, für die sie nur nachts eine Matratze erhielt. Weil sie afrikanische Vorfahren hat, erfuhr sie auch den Rassismus derjenigen, die auf Kuba das Sagen haben. Dauernd auf dem Boden kauernd zog sie sich Haut- und Niereninfektionen zu. „Mir hilft, dass es Menschen wie Sie in der Welt gibt, die unseren Kampf weiter führen“, sagte Garro in ihrem bewegenden Zeugenbericht.

Die Damen in Weiß mit ihrem Mut haben ein musikgeschichtliches Vorbild, die Leonore in Ludwig van Beethovens Freiheitsoper Fidelio. Das langjährige Vorstandsmitglied Sylvia Wähling hatte am 28. Juni vorigen Jahres im Rahmen einer Premiere des Werks in der Gedenkstätte Zuchthaus Cottbus, die sie leitet, zu Beginn der Vorstellung zwei Vertreterinnen der Damen in Weiß vorgestellt und schlug so eine Brücke zum aktuellen Engagement zurück zur früheren Arbeit der Menschenrechtsorganisation, die von ihrer Gründung 1972 bis zum Ende des Kalten Kriegs hauptsächlich Fälle im Ostblock betreute.

Der Vorsitzende der IGFM Edgar Lamm aus Aachen wusste Kritisches über den Umgang des NATO-Partners Türkei mit Christen zu berichten, die inzwischen nur noch 0,2 Prozent der Bevölkerung dort stellen. Die Menschenrechtsorganisation ist zu der Erkenntnis gelangt, dass sich die Lage der religiösen Minderheiten seit dem EU-Beschluss für Beitrittsverhandlungen eher verschlechtert habe. Eine Laufbahn als Beamter oder Soldat ist Christen verwehrt, die durch die Angabe der Religionszugehörigkeit im Personalausweis auch Alltagsdiskriminierung ausgesetzt sind. „Beim Behördengang werden sie gerne mal ans hintere Ende der Schlange gestellt“, berichtete Lamm. Christliche Schülerinnen und Schüler müssten in der Regel am islamischen Religionsunterricht teilnehmen, allerdings drückten Lehrer da schon mal ein Auge zu, wenn sie fernblieben. „Die Rechtsunsicherheit dabei ist aber das Problem“, erklärte Lamm weiter.

Die Terrormilizen „Islamischer Staat“ im Irak und Syrien wüten wie die erwähnte Boko Haram in Nordost-Nigeria mit unfassbarer Brutalität: Massenhinrichtungen, ausgelöschte Dörfer, barbarische Strafen, Entführung und Vergewaltigung, systematische Menschenrechtsverletzungen an Frauen und Andersgläubigen. Ihr Ziel ist es, islamische Kalifate zu errichten. Besonders schlimm trifft es die Angehörigen anderer Religionen und Nichtgläubige. Der „Islamische Staat“ sei extrem in seiner Konsequenz, die Scharia anzuwenden und außergewöhnlich in der Art, sich medial zu inszenieren. Trotzdem ist er nach Auffassung der IGFM nur „die Spitze des Eisbergs“ eines seit Jahrzehnten kontinuierlich erstarkenden Islamismus. Von Nordafrika bis Pakistan und Indonesien gewinnt ein fundamentalistischer Islam an Einfluss. Rechte und Freiheiten von Frauen, Minderheiten und Andersdenkenden würden immer weiter zurückgedrängt, sagte Martin Lessenthin, Vorstandssprecher der IGFM.

Die Ursachen, die islamistische Terror-Armeen wie die des IS erst möglich gemacht haben, sind nach Auffassung der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM) mehr und mehr aus dem Fokus geraten. Das völlige Versagen von Regierungen im eigenen Land, im Irak und in Nigeria, und die falsche Toleranz gegenüber islamistischem Gedankengut hätten den Weg des „Islamischen Staates“ und von Boko Haram geebnet. „Good governance“ und die Bereitschaft zur Konfrontation mit den Verfechtern von Scharia-Systemen seien unverzichtbar, erklärt die IGFM. Sie ruft dazu auf, den Kampf gegen islamistischen Terror nicht auf halbherzige und isolierte Einzelmaßnahmen zu beschränken. Die IGFM fordert, dass Entwicklungszusammenarbeit und andere finanzielle Hilfen strikt an deutlich messbare Fortschritte bei den Menschenrechten gekoppelt werden. Bei Völkermord dürfe sogar für Deutschland militärische Gewalt kein Tabu sein. „Auschwitz wurde nicht von Diplomaten befreit“, erläuterte Lessenthin.

 

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