Bedrohte Christen: Nicht mehr mit Schutzzusagen abspeisen lassen

Kloster Andechs: Thema bedrohte Volksgruppen / Teil 1

Von Michaela Koller

MÜNCHEN, 24. März 2015 (Vaticanista/ZENIT.org).- Der „Heilige Berg“ der Bayern, Andechs, zweitgrößter Wallfahrtsort im Freistaat, ist am Sonntag Schauplatz eines leidenschaftlicher Appells für das Eingreifen zugunsten der Christen in Syrien und im Irak gewesen. Der Hilfeschrei kam diesmal von einem Deutschen mit syrischen Wurzeln: Raid Gharib, engagierter syrisch-orthodoxer Christ und Politikwissenschaftler warnte: „Das Christentum steht in diesen Ursprungsländern vor der Auslöschung und die Welt schaut zu.“ Der Regensburger Bischof Rudolf Voderholzer, der mit ihm auf dem Podium der 43. Andechser Europatage saß, senkte den Blick nachdenklich, ja betroffen.

Foto: M. Koller

Foto: M. Koller

„Glauben Sie nicht, dass Ihre Worte ungehört bleiben“, sagte er später zu Gharib, der Diözesanratsvorsitzender der syrisch-orthodoxen Kirche von Antiochien in Deutschland und politischer Sprecher des Zentralrats Orientalischer Christen in Deutschland (ZOCD) ist. Der Politologe begrüßt, dass das Europäische Parlament Schutzzonen für Christen und Jesiden in der Ninive-Ebene und im Schengal-Gebirge fordert, wie in seiner Resolution vom 12. März. Angesichts der Bedrohung des Volkes seiner Vorfahren, das Aramäisch, die Sprache Jesu, spricht, bemerkte er: „Europa ist eine Idylle, mit Freiheit, Demokratie und nie gekannter Menschenwürde.“ Festgeschriebene Minderheitenrechte, wie es sie hier gebe, seien ein fernes Ziel für die Christen und anderen religiösen und kulturellen Minderheiten im Nahen und Mittleren Osten.

Seit 1994 finden zweimal im Jahr in dem oberbayerischen Benediktinerkloster Andechs die christlichen Europatage statt, mit denen die Paneuropa-Union den Einsatz ihrer Mitglieder und Freunde für christliche Grundsätze stärken möchte. Bei der abschließenden Podiumsdiskussion, die der tschechische Journalist Jaroslav SŠonka moderierte, ging es am Sonntag um „Volksgruppen in Gefahr“.

„Wir dürfen uns nicht mehr damit abspeisen lassen, dass der jeweilige Herrscher uns Schutz zusagt, und auch nicht mit einer Verfassung, in der als Grundlage die Scharia steht“, sagte Gharib. Immerhin sei seine Volksgruppe diesbezüglich „aus dem Delirium erwacht“ und habe erkannt, dass sie nur Hilfe erwarten könne, wenn sie sich selbst helfe. Deshalb suche sie jetzt verstärkt die Zusammenarbeit mit anderen Minderheiten. Er sei gerade dabei, mit dem Zentralrat der Jesiden in Deutschland zu erörtern, „was wir für unsere Glaubensgeschwister im Nahen Osten tun können.“ Raid Gharib kam mit vier Jahren mit den Eltern nach Deutschland. Er dankte insbesondere den Christen hierzulande, etwa in der evangelischen Gemeinde, in der seine Eltern gelandet seien, für die „rührende Aufnahme“ und angebotene „spirituelle Heimat“.

Mitdiskutant Bischof Voderholzer schilderte die Früchte der Verständigung und Versöhnung zwischen Völkern und Volksgruppen aus seiner persönlichen Erfahrung als Sohn eines bayerischen Vaters und einer sudetendeutschen Mutter. Seit zwei Jahren Bischof von Regensburg, bezieht Voderholzer seine sudetendeutschen Wurzeln in seinen Dienst mit ein. Der Katholikentag im vorigen Jahr war durch die Zusammenarbeit mit der Nachbardiözese Pilsen geprägt. Der Regensburger Oberhirte veranstalte gemeinsam mit seinem Kollegen, Bischof Radkovsky, deutsch-tschechische Wallfahrten, etwa mit 1000 Choden nach Neukirchen bei Heilig Blut oder umgekehrt von Weiden nach Maria Kulm im Egerland. Damit werde die Freundschaft stabilisiert in einer Region, die von Leid, Kränkungen und noch nicht aufgearbeiteter Geschichte gekennzeichnet sei. Die Erfahrungen seien ermutigend, dass diese zunehmend „gekannt und auf der Basis von Wahrhaftigkeit studiert“ werde. Voderholzer warnte vor vereinfachenden Vorstellungen von den Nachbarn und nannte Bildungsarbeit als Lösung dagegen.

Foto: M. Koller

Foto: M. Koller

In seiner Predigt während des Festgottesdienstes in der Andechser Wallfahrtskirche hatte Bischof Rudolf Voderholzer zuvor an die Teilnehmer der Tagung appelliert, alle Kräfte für die Christianisierung, die Neuevangelisierung Europas einzusetzen. „Bitten wir den Herrn, dass er uns Glaubenskraft, Glaubensfreude, Glaubenszuversicht schenkt.“ Mit seinem Menschenbild und der großen Idee der unzerstörbaren Würde der menschlichen Person sei das Christentum „die zukunftsfähige Religion schlechthin“. Jene, die „sich jetzt Sorgen um das Abendland machen“, mahnte er, sich nicht vor dem Islam zu fürchten, sondern vor der „Schwäche und Lauheit der Christenheit.“ Konzelebrant war der Bischof von Zrenjanin / Großbetschkerek im serbischen Banat, László Német.

[Mit Material der Paneuropa-Union]

 

Artikel drucken

Dieser Beitrag wurde unter Nachrichten, Religionsfreiheit - Menschenwürde veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.