Leiden im Orient

Besinnung zur Fastenzeit aus der christlich-arabischen Welt / 5

Von Monsignore Joachim Schroedel

KAIRO, 24. März 2015 (Vaticanista/ZENIT.org).- Vaticanista veröffentlicht in dieser Fastenzeit einmal in der Woche eine Besinnung, die Msgr. Joachim Schroedel aus Kairo für ZENIT verfasst hat. Fast zwanzig Jahre, bis August 2014, war Schroedel im Auftrag der Deutschen Bischofskonferenz der Seelsorger der deutschsprachigen Katholiken in Ägypten, zuständig auch noch für acht weitere Länder. Der Geistliche aus dem Bistum Mainz unterstützt nun den Apostolischen Vikar in Alexandria, Bischof Zaki, in der Seelsorge für die Deutschsprachigen.

Besinnung der fünften Fastenwoche

Mit dem Passionssonntag beginnen die letzten 14 Tage vor Ostern. Nun richten die Christen ihren Blick unmittelbar auf die Leiden Christi – die verbleibende Zeit vor Ostern ist eine einzige Meditationszeit, eine Zeit der Verinnerlichung der Lebenshingabe Jesu für die Sünden der gesamten Menschheit. Das Kreuz Christi tritt in die Mitte der christlichen Reflexion. Doch ist in den ersten Jahrhunderten eine Kreuzdarstellung mit dem Gekreuzigten kaum nachweisbar: Vielmehr war es die „crux gemmata“, das mit Edelsteinen geschmückte, goldene Kreuz, das den Christen gezeigt und in Prozessionen voran getragen wurde.

Die wohl älteste crux gemmata findet sich im Domschatz von St. Peter in Rom: die so genannte „crux vaticana“, eine Stiftung des römischen Kaisers Justin II. (520 – 578). Das Kreuz ist in den ersten Jahrhunderten immer zunächst Zeichen des Sieges, nicht der Marter. In der Romanik sah man den gekreuzigten als Sieger und König, erst im 12. Jahrhundert kam die Figur des Schmerzensmannes in den Vordergrund. Just in dieser Zeit begann man, 14 Tage vor Ostern, die Kreuze zu verhüllen, was heute im Messbuch Pauls VI. immer noch empfohlen, aber nicht verordnet wird.

In der Passions-(Leidens-)Zeit soll der Christ eben auch ganz konkret das Leiden des Herrn meditieren – und vielleicht sogar fast so tun, als gäbe es seine Auferstehung nicht. In der Passionszeit Kreuze mit dem leidenden Christus zu verhüllen, erscheint wenig sinnvoll: Doch Kreuze, die den Triumph über den Tod zeigen, sollten bei der Konzentration auf das Leiden des Herrn eher nicht zu sehen sein.

Im Orient ist in diesen Monaten und Jahren eine wohl ständig andauernde „Passionszeit“ über die Christen gekommen. Christen werden als Bürger zweiter Klasse angesehen. Sie werden für alle möglichen Missstände verantwortlich gemacht. In vielen Ländern dürfen Christen nicht ans Licht der Öffentlichkeit treten und gerade in manchen Ländern, zu denen wir Europäer „wichtige Handelsbeziehungen“ haben, dürfen sie nicht einmal ein Kreuz um den Hals tragen, selbst eine Fluggesellschaft mit Kreuz als Logo ist dort nicht gerne gesehen. Christen in diesen Ländern genießen eben keine Religionsfreiheit und ich stelle mir immer wieder die Frage, warum wir eben die Religionsfreiheit, die wir in Deutschland so heftig verteidigen, wegen wirtschaftlicher Interessen nicht mehr einklagen. Moral und eines der höchsten Güter des Menschen, die Freiheit, unterliegen dabei dem Kapitalismus.

Und dennoch sind die Christen des Orients stolze Träger der „crux gemmata“. Sie wissen, dass der Sieger am Kreuz schon längst feststeht. Das Kreuz, das sich viele Kopten an ihr Handgelenk tätowieren lassen, ist unauslöschliches Bekenntnis zum Sieger Christus. Die Passionszeit der Christen des Orients ist noch lange nicht vorüber – und sie steht den Christen des Westens erst noch bevor. Doch „ex oriente lux“ – aus dem Osten kommt das Licht! Und dieses Licht wird in 14 Tagen in die dunklen Kirchen dieser Welt getragen. Die leidenden Christen des Orients können uns ein großes, bestärkendes Vorbild sein.

 

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