„Die Reife einer Gesellschaft misst sich am Verhältnis zu den Minderheiten“

Kloster Andechs: Thema bedrohte Volksgruppen/ Teil 2

Von Michaela Koller

MÜNCHEN, 25. März 2015 (Vaticanista/ZENIT.org).- Nächste Woche jährt sich der Todestags des heiligen Papst Johannes Paul II. zum zehnten Mal. Unschätzbar groß war sein Beitrag zum Frieden in Europa. Das Motto seiner Botschaft zum Weltfriedenstag am 1. Januar im Wendejahr 1989 galt bezeichnenderweise den Minderheiten: „Frieden schaffen – Minderheiten achten“. Der Beauftragte der Bundesregierung für Aussiedler und nationale Minderheiten, Hartmut Koschyk, erinnert gerne an diese Losung sowie die hohen Maßstäbe des heiligen Friedensvisionärs. Die Reife einer Gesellschaft werde an ihrem Verhältnis zu ihren Minderheiten gemessen. Dieser Überzeugung Johannes Pauls II. schließt sich Koschyk an, wie er auf dem Podium der 43. Andechser Europatage bekannte. Wichtig sei der Dreiklang Heimat-Identität-Glaube, der als harmonische Beziehung ein Zusammenleben von Menschen verschiedener Ethnien in Staaten und supranational möglich mache. Der CSU-Bundestagsabgeordnete warnte davor, dass Minderheiten andererseits auch instrumentalisiert werden könnten, wie in der Ukraine-Krise, in der der angebliche Schutz Vorwand benutzt wird, um Gewalt anzuwenden.

Seit 1994 finden zweimal im Jahr in dem oberbayerischen Benediktinerkloster Andechs, dem „Heiligen Berg“ der Bayern, die christlichen Europatage statt, mit denen die Paneuropa-Union den Einsatz ihrer Mitglieder und Freunde für christliche Grundsätze stärken möchte. Bei der abschließenden Podiumsdiskussion, die der tschechische Journalist Jaroslav SŠonka moderierte, ging es am Sonntag um „Volksgruppen in Gefahr“.

Koschyk hat – wie andere Teilnehmer – einen biographischen Bezug zum Thema: Seine Eltern stammen aus Schlesien und seine Schwiegereltern sind Sudetendeutsche. Er schilderte die Bemühungen auf europäischer Ebene, Minderheiten einen angemessenen Schutz erfahren zu lassen: Entsprechende Vorstöße in der Geschichte hätten der frühere bayerische Ministerpräsident Alfons Goppel (1905 bis 1991), Otto von Habsburg (1912 bis 2011), der bis 1999 Mitglied des Europäischen Parlaments war, und der Bundesvorsitzende der Sudetendeutschen Landsmannschaft und Präsident der Paneuropa-Union Deutschland Bernd Posselt in der europäischen Volksvertretung gegeben: Die Anstrengungen führten dazu , dass der Schutz der kulturellen Identität in den EU-Verträgen und das Verbot der Diskriminierung von Angehörigen von Minderheiten verankert wurden.

Der Europarat habe die Charta zum Schutz von nationalen Minderheiten und das Rahmenabkommen über Minderheits-und Regionalsprachen geschaffen. Hinzu kämen die Instrumentarien der OSZE mit ihrer Hohen Kommissarin für Minderheitenschutz. Ein neuer Vorstoß sei die Europäische Bürgerinitiative der Föderation Europäischer Volksgruppen (FUEV) unter ihren Direktor Hans Heinrich Hansen, zum Vertrag von Lissabon einen „Minority Safepack“ einzufordern. Da die EU-Kommission sich damit nicht beschäftigen wolle, versuche er über deren ersten Vizepräsidenten Frans Timmermans und die Fraktionen im Europaparlament, insbesondere den EVP-Fraktionsvorsitzenden Manfred Weber, weiterzukommen. Koschyk machte als Stolpersteine für die Minderheiten drei Begriffe aus: Ignoranz, Intoleranz und Inakzeptanz.

Die Historikerin Cristina Zelenac aus Sathmar, Tochter einer Rumänin und eines Sathmarer Schwaben, fand erst durch Nachfragen und Lesen tiefer zu ihrer teilweise deutschen Identität. Immerhin sprach sie als Kind schon mit ihren Großeltern Schwäbisch. Diese lebten in einer Gegend, die eher ungarisch als rumänisch geprägt ist. Viele ihrer Mitschüler hätten der ungarischen Minderheit Rumäniens angehört, sie habe dort nie Spannungen erlebt. Es handle sich nicht unbedingt um ein Miteinander, aber immerhin ein friedliches Nebeneinander. Der Kontakt zu den anderen Gruppen habe sich eher auf der wirtschaftlichen Ebene gefunden. Durch ihre Geschlossenheit habe die deutsche Minderheit sich kompakt erhalten. Trotz gelegentlicher Konflikte hält sie das Miteinander dort für ein „positives Beispiel, dass man Sachen auch so regeln kann, dass es friedlich zusammenpasst.“

Bischof László Német aus Zrenjanin in Serbien, ein Ungar aus der Batschka wurde als Steyler Missionar Bischof im serbischen Banat, einer Region, wo heute noch 23 Volksgruppen zusammenleben. Er selbst lernte Serbisch in der Schule. Auch wenn Serbien in den letzten Jahren „nicht die besten Beispiele“ auf dem Gebiet geliefert habe, verbesserte sich sich Situation der Minderheiten,“Nationalitäten“ genannt, 2010 durch ein neues Gesetz: Sie können sich demzufolge in Nationalitätenräten zusammenschließen, deren größte der ungarische und der kroatische in der Vojvodina sowie der der Bosniaken im Sandžak seien. „Wir müssen uns auf eine Liste schreiben – mehr als 100.000 Ungarn haben das 2010 gemacht, und den Nationalitätenrat direkt wählen.“ Es gibt ein Parteiensystem: „Verschiedene Gruppierungen wurden gewählt“, sagte Német. Er selbst habe dem ersten solchen Nationalitätenrat der Ungarn für vier Jahre angehört. Die US-amerikanische Botschafterin zeigte sich irritiert. „Aber meine Gläubigen haben kein Problem daraus gemacht“. Er rede auch mit den anderen Räten. Die Nationalitätenräte ermöglichten Mitgestaltung im Schulwesen bis hin zur Universität, in Kultur und Medien, wo sie die Rolle eines Miteigentümers übernehmen könnten. Bei der Bildung gebe es sogar eine besondere Förderung: Für die Eröffnung einer serbischen Schulklasse bedürfe es mindestens 15 Kinder, bei Minderheiten seien schon fünf Kinder genug.

Der Südtiroler Kulturhistoriker und Ethnologe Luis Thomas Prader erzählte von seiner Beschäftigung mit den deutschen Sprachinseln in Italien: Im 11. Jahrhundert seien sogenannte Zimbern, Bewohner aus Benediktbeuern im Loisachtal, in den sonnigen Süden gezogen, die, obwohl schon vor 200 Jahren von Sprachforschern totgesagt, ihre archaische Sprache bis heute erhalten hätten, „nur mündlich, mit Ausnahme des Katechismus.“ Im Europäischen Jahr der Sprachen 2001 hätte er sie nach Südtirol eingeladen und gefragt: „Lebt ihr noch oder seid ihr dabei den Laden zu schließen?“ Einer habe geantwortet: „Es wird schon so sein, dass wir letztlich aussterben, aber zuerst möchte ich noch leben.“ Tatsächlich habe diese Begegnung, der Ausbruch aus der Isolation, den Zimbern erheblich Auftrieb gegeben und sie den Wert ihrer Sprache erkennen lassen: Sie pflegen ihr Erbe nun in Chören, Volkstanz- und Brauchtumsgruppen sowie Sprachkursen. „Vor einigen Jahren haben sie sich in der Stadt noch geschämt zu sagen, daß sie aus diesem Bergdorf sind – und jetzt sind sie stolz darauf.“

Bernhard Gaida, Vorsitzender des Verbandes der Deutschen in Polen, ist aufgewachsen in Zeiten, in denen es „offiziell keine Deutschen in Polen“ gab. Die meisten Deutschen wohnen in Gebieten, die erst seit 70 Jahren zu Polen gehören. Unter der Zwangspolonisierung verlernten er und viele andere teilweise seine Muttersprache: Ober- und Niederschlesier, Pommern, Ost- und Westpreußen mit ihren verschiedenen Traditionen und Dialekten. Alle seien noch geschwächt von zwei Generationen Ausgrenzung und Zwang. Seit 1989 versuchten sie wieder verstärkt ihre Sprache und Identität lebendig zu machen, aber das erweise sich als „Schneckenweg“. Insbesondere gebe es keine einzige Schule mit Deutsch als Unterrichtssprache, weil Polen zwar die Minderheitencharta des Europarates unterzeichnet, aber keine Lehrerbildung für deutschen oder auch ukrainischen Unterricht vorgesehen habe. Trotzdem habe sich die Lage der Minderheiten in Polen verbessert; die Toleranz in Gesellschaft und politischen Eliten sei gestiegen. Ein großer Stolperstein sei aber der Mangel an Wissen über sie: Bis zur wirklichen Akzeptanz in der Breite der Gesellschaft sei es noch ein weiter Weg. Die Mehrheitsbevölkerung müsse in den öffentlichen Medien etwas über die Volksgruppen erfahren.

[Mit Material der Paneuropa-Union]

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