„Radikalisierte Imamausbildung bereitet den Boden für Verfolgung“

Interview zu Nigeria mit dem neuen Geschäftsführenden Vorsitzenden der IGFM Rothfuß

FRANKFURT, 16. April 2015 (Vaticanista/Die Tagespost).- Muhammadu Buhari, Sieger der Präsidentschaftswahlen in Nigeria, hat bislang gegenüber der Terrorgruppe Boko Haram ein taktisches Spiel verfolgt, meint der Nigeria-Experte Rainer Rothfuß, Humangeograph in Tübingen und neuer Geschäftsführender Vorsitzender der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM). Michaela Koller sprach mit ihm nach den Wahlen über neue Chancen, wirksam gegen den Terror in Nigeria vorgehen zu können.

Herr Professor, welche Chancen sehen Sie, die terroristische Gruppe Boko Haram nach dem Wahlsieg des muslimischen Kandidaten Buhari endgültig zurückzudrängen?

Rainer Rothfuß ist seit diesem März Nachfolger des langjährigen IGFM-Geschäftsführers Karl Hafen (links)

Rainer Rothfuß ist seit diesem März Nachfolger des langjährigen IGFM-Geschäftsführers Karl Hafen (links)

Prof. Rothfuß: Zunächst einmal muss man festhalten, dass der Boko Haram-Terror nicht das einzige Problem der christlichen Minderheit in Nordnigeria ist. Christen sind im Norden schon immer behördlicher Diskriminierung und auch der Verfolgung durch Teile der muslimischen Bevölkerung, wie etwa durch Fulani-Nomaden oder durch den Mob auf der Straße ausgesetzt gewesen. Boko Haram repräsentiert insbesondere die Kanuri-Volksgruppe, die sich gegen den übermächtigen Einfluss der politischen Elite der Fulani in Nordnigeria durchsetzen will. Der Wahlsieg Buharis stärkt jetzt wieder die Fulani, deren Unterstützung er im Wahlkampf erhalten hatte. Buhari verfolgte gegenüber Boko Haram schon früher ein taktisches Spiel: Er kritisierte zunächst den nun abgewählten christlichen Präsidenten Jonathan, zu hart gegen die Terrorgruppe vorzugehen. Dann kritisierte er, dass dieser das Militär der benachbarten Staaten nötig habe, um Boko Haram erfolgreich zurückzudrängen. Er selbst wolle nun die Aufgabe wieder alleine mit dem nigerianischen Militär lösen und auch mit den Terroristen verhandeln. Natürlich hätte da Buhari einen leichteren Stand als Jonathan, da er als Muslim leichter auch die muslimische Fraktion im Militär hinter sich bekäme und zudem von Boko Haram eher als Verhandlungspartner anerkannt würde als ein christlicher Präsident, der schon immer das Hauptziel der Terroristen war.

Woher erhält die Terrorgruppe Boko Haram ihre Unterstützung?

Prof. Rothfuß: Boko Haram ist kein isoliertes Phänomen und der Treueschwur gegenüber dem Islamischen Staat lässt tiefer blicken in die alarmierende Wesensverwandtschaft islamistischer Terrorgruppen weltweit. Es gibt Hinweise, dass die Unterstützung für solche Terrorarmeen auch direkt oder indirekt von formal anerkannten Regierungen islamischer Staaten geleistet wird. Die 2014 erhobenen Vorwürfe gegen die Regierung Erdogan, sie habe mittels Turkish Airlines Waffen an Boko Haram geschmuggelt, wurden nie überzeugend entkräftet. Saudi Arabien, ein weiterer treuer Verbündeter des Westens, steht im Verdacht, Boko Haram zu finanzieren. Tausende von finanzkräftigen „Hilfsorganisationen“ aus islamischen Staaten sind in Westafrika unterwegs und unterstützen eine Islamisierung der Gesellschaften.

Treibt Armut Boko Haram Kämpfer in die Hände?

Prof. Rothfuß: Sicherlich treibt wirtschaftliche Perspektivlosigkeit einzelne Kämpfer in die Arme von Boko Haram. Aber Armut bedeutet nicht automatisch Gewaltbereitschaft. Dafür bedarf es in erster Linie einer Gewalt rechtfertigenden Ideologie, die insbesondere der Islamismus bietet.

Wie konnte das Phänomen überhaupt aufkommen, da es in Nigeria reichlich gemischtreligiöse Familien gibt?

Prof. Rothfuß: Die Radikalisierung muslimischer Bevölkerungsgruppen nicht nur in Nigeria, sondern in vielen Ländern weltweit durch die Imamausbildung etwa in Saudi Arabien, bereitet den Boden für eine langfristige Verschärfung der Verfolgung religiöser Minderheiten in muslimisch geprägten Staaten. Wenn der gesellschaftliche Druck zur Ächtung gewisser religiöser Minderheiten steigt, dann sind gemischtreligiöse Familien ebenfalls unter Druck. Heutzutage werden in Nordnigeria so gut wie keine interreligiösen Ehen mehr geschlossen. Selbst Stadtviertel sortieren sich zunehmend nach Religionszugehörigkeit.
Wie sah das Verhältnis zwischen Christen und Muslimen vor dem Aufkommen dieser Terrorsekte aus?

Prof. Rothfuß: Nicht-muslimische Bevölkerungsgruppen waren seit der Ankunft des Islam im 11. Jahrhundert im heutigen Nordnigeria gezielten Sklavenjagden ausgesetzt. Noch kurz vor der Unterwerfung Nigerias durch die Briten war um 1900 nahezu die Hälfte der Bevölkerung im Kalifat Sokoto versklavt, da sie Naturreligionen anhing. Die Einführung der Schariagesetzgebung ab 1999 in den zwölf nördlichen Bundesstaaten gleichzeitig mit der Rückkehr Nigerias zur Demokratie beweist, dass das Problem der Diskriminierung nicht-muslimischer Minderheiten in den islamischen Gebieten sehr viel tiefer greift als nur der Terror von Boko Haram, der die Medienberichterstattung prägt. Boko Haram bezeichnet sich selbst als „Verband der Sunniten zur Einladung zum Islam und Dschihad“. Die Terrororganisation war eigentlich aus einer sehr populären islamischen Erweckungsbewegung hervorgegangen, bevor 2009 der „Heilige Krieg“ zur Errichtung eines islamischen Gottesstaats gestartet wurde.

Wie wird sich nun die Wahl des Präsidenten Muhammadu Buhari auf die Konfliktsituation in Nordnigeria auswirken?

Prof. Rothfuß: Das Signal, das von der Wahl Buharis und dem friedlichen Wechsel im Präsidentenamt ausgeht, mag zunächst hoffnungsvoll aussehen. Nach der Wahl des christlichen Präsidenten 2011 hatte ein aufgebrachter Mob im muslimisch geprägten Norden des Landes hunderte Kirchen niedergebrannt und Boko Haram Jonathan sofort den Krieg erklärt. Was ist das Signal des friedlichen Machtwechsels nun an Buhari? Wählt einfach einen muslimischen Präsidenten, dann halten wir still. Den Terroristen werden dann in Verhandlungen Angebote für Amnestie und gesellschaftliche wie politische Teilhabe gemacht. Im Paket könnte der Einfluss des Islam dann auf ganz Nigeria gestärkt und die nächsten Schritte zur langfristigen Errichtung einer islamischen Republik Nigeria gezielt vorbereitet werden. Buhari hatte solche Ambitionen in der Vergangenheit mehrfach geäußert. Wir haben hier das generelle Dilemma eines künstlichen Staatsgebildes, das versucht zwei konträre Wertesysteme unter ein Dach zu bringen. Das Problem ist, dass die Religion des Islam immer auch die Erlangung weltlicher Herrschaft impliziert. Dies offenbaren Schariagesetze und der vom Religionsstifter Mohammed entwickelte Kalifatsgedanke, laut dem religiöse und weltliche Herrschaft in einer Hand liegen sollen.
[Erstveröffentlichung: Die Tagespost, 15. April 2015]

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