„Ein lehr- und ereignisreiches Pontifikat“

Interview mit Ratzingerschüler Pater Vincent Twomey SVD /Teil 1

MÜNCHEN, 17. April 2015 (Vaticanista/ZENIT.org).- Am 19. April sind es genau zehn Jahre her, seit der damalige Kardinalpräfekt Joseph Ratzinger, der am Donnerstag 88 Jahre alt geworden ist, zum Papst gewählt wurde und den Namen Benedikt XVI. annahm. Sein Wahlspruch „Mitarbeiter der Wahrheit“ kennzeichnete zutiefst sein Denken und Handeln, wie der irische Steyler Missionar Pater Vincent Twomey aus dem Schülerkreis des emeritierten Papstes im Interview mit ZENIT aufzeigt. Der emeritierte Professor für Moraltheologie, der im irischen Maynooth an der Päpstlichen Hochschule Saint Patrick’s College lehrte, verfasste zu Beginn des Pontifikats ein theologisches Porträt seines Doktorvaters. Im Jahr 1978 hatte er an der Universität Regensburg bei Professor Joseph Ratzinger promoviert und sich seither ein Bild von seinem großen Lehrer machen können. Mit Michaela Koller sprach er über das lehr- und ereignisreiche Pontifikat Benedikts XVI..

Wenn Sie zurückblicken auf das Pontifikat Benedikts XVI., ihres Lehrers, der vor zehn Jahren gewählt wurde und vor zwei Jahren emeritiert ist: Mit welchen Adjektiven würden Sie es beschreiben?

Pater Vincent Twomey: Klug, mutig, und inspirierend! Ich würde zunächst sagen, dass es ein sehr lehrreiches Pontifikat war. Er hat die Kirche und die kommenden Generationen durch seine vielen Predigten und öffentliche Auseinandersetzungen, seine erstaunlichen Enzykliken and Katechesen, aber auch durch seine Trilogie „Jesus von Nazareth“ ungeheuerlich bereichert. Seine Wahl als Papst hat auch die Aufmerksamkeit eines breiteren Publikums auch innerhalb der wissenschaftlichen Theologie auf die Schätze seines umfangreichen, bis dahin kaum ernst genommenen Theologie gelenkt.

Es war aber auch ein sehr ereignisreiches Pontifikat, in dem sein Mut oft herausgefordert wurde. Seine vielen Reisen haben Wellen geschlagen, als er die Herzen der Menschen durch seinen Charme, seine Gesten und Reden gewonnen hat, obwohl vorher die Feindseligkeit furchterregend stark war. Trotzdem ist es ihm gelungen, unangepasste Wahrheiten der Welt zu verkünden. So etwa war sein Staatsbesuch in Schottland und England, trotz der scharfen Opposition vorher in den Medien, ein erstaunlicher Erfolg.

Mutig waren vor allem seine großen Reden: in New York (vor den Vereinigten Nationen), in der Universtität Regensburg, in Paris, Westminister Hall, London und vor dem Deutschen Bundestag. In seiner Förderung des ökumenischen Gesprächs, vor allem mit den Orthodoxen, und des interreligiösen Dialogs, einschließlich der engeren Beziehung mit Israel, ohne die Palästinenser im Stich zu lassen, zeigte er sich auch mutig und klug.

Den negativen Ereignissen, die in seiner Amtszeit stattfanden, begegnete er ebenso mit Mut und Klugheit. Man denke nur an den großen Skandal um den Missbrauch, aber auch Vatileaks. Man kann wirklich sagen, dass sich die Mächte des Bösen in seiner Amtszeit gezeigt haben. Aber man hat auch gesehen, dass diese nicht die Kirche, beziehungsweise das Amt des Bischofs von Rom, des Nachfolgers des heiligen Apostels Petrus, besiegen konnten.
Benedikt XVI. hat die Tiara aus dem päpstlichen Wappen entfernt. Das ist ja nur ein äußeres Symbol, das erst durch Handeln bekräftigt werden muss. Wie hat sich das im Führungsstil geäußert?
Pater Vincent Twomey: Ich habe mich gefreut, als ich bei seiner Amtseinführung als Papst das Heft in die Hand nahm und sah, dass plötzlich die Tiara nicht mehr da war. Viele seiner theologischen Arbeiten, und auch meiner, haben sich mit dem Amt des Bischofs von Rom beschäftigt. So ist er Papst, Nachfolger des heiligen Petrus, gerade weil er Bischof von Rom ist, wo Petrus durch sein Martyrium sein letztes, endgültiges Zeugnis für die Wahrheit ablegte. Die Tiara ist im Mittelalter hinzugekommen, die Lehre von den drei verschiedenen Reichen, die in der heutigen Welt kaum Bedeutung mehr hat. Ich würde sagen, dass Benedikt XVI. das Amt des Bischofs von Rom als Bischof ernst genommen hat, in dem Sinne, dass er auf seine erste und eigentliche Aufgabe, die Verkündigung, verweist. So hat er die Verkündigung zum Zentrum seines Pontifikats gemacht. Ich glaube auch, dass er versucht hat, das Gewicht des einzelnen Bischofs hervorzuheben, damit dessen Verantwortung wieder zur Geltung kommt, die durch die Entwicklung der Bischofskonferenzen mehr oder weniger unterminiert wurde.
Sie haben Ihren Lehrer einmal als Dissidenten bezeichnet. Wie sind Sie darauf gekommen?

Pater Vincent Twomey: Zu dem Begriff Dissident: In der Zeit des Kalten Krieges, als die Kommunisten die Sowjetunion führten, gab es ein paar mutige Stimmen, die sich gegen den Totalitarismus äußerten, wie der Atomphysiker Andrej Sacharow. Sie wurden als Dissidenten bezeichnet. Ratzinger war 1992 in den Kreis der „Unsterblichen“ der Académie francaise als Nachfolger für den russischen Dissidenten bestimmt worden. Er ist immer dem Zeitgeist entgegen getreten und ist Dissident gegenüber den so-genannten „Orthodoxien“ der Welt. Er steht für die Wahrheit mitten in einer Welt der Lüge. Was ihn als Theologen, als Hirten, als Kardinalpräfekten auszeichnete, ist seine Suche nach der Wahrheit. Deshalb ist er auch ein Zeichen des Widerspruchs gewesen. In dem Sinne ist er oft fast allein gestanden und hat die Wahrheit, die von Gott her kommt, und durch die Offenbarung beziehungsweise durch die Vernunft erkannt werden kann, mit großem Mut ausgesprochen. In dieser Wahrheit ist er standhaft geblieben.

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