Joseph Ratzingers bedeutender Einfluss auf Offenbarungs- und Kirchenlehre des Konzils

Interview mit Bischof Rudolf Voderholzer/ Teil 1

REGENSBURG, 22. April 2015 (Vaticanista/ZENIT.org).- Aus Anlass des zehnten Jahrestags der Wahl (19. April) und der Amtseinführung (24. April) Papst Benedikts XVI. spricht der Regensburger Bischof Rudolf Voderholzer in einem Interview mit Michaela Koller von ZENIT über die bleibende Bedeutung des Theologenpapstes. Bischof Voderholzer ist Gründungsdirektor des Instituts Papst Benedikts XVI. Noch während seiner Amtszeit hatte Papst Benedikt XVI. selbst den Vorgänger Bischof Voderholzers, den heutigen Kardinal Gerhard Ludwig Müller, Präfekt der Glaubenskongregation, beauftragt, seine gesammelten Werke herauszugeben. Müller gründete daraufhin das Institut zur wissenschaftlichen Betreuung des mit dem Herder Verlag Freiburg geplanten Editions-Projektes. Die Edition umfasst 16 Bände. Ziel der „Joseph Ratzinger Gesammelten Schriften“ (JRGS) ist die Erschließung des theologischen Werkes von Joseph Ratzinger bis zur Papstwahl in einer Kombination von systematischer und chronologischer Ordnung. Im Gespräch mit Bischof Voderholzer wird deutlich: Positionen, die der junge Konzilstheologe Ratzinger vertrat, beeinflussten wesentlich die Offenbarungs- und die Kirchenlehre des Konzils und spiegelten sich später in seiner Amtsführung als Papst wider.

Copyright: Bistum Regensburg

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Wir haben in diesen Tagen den 10. Jahrestag der Wahl des damaligen Kardinals Joseph Ratzinger zum Papst gefeiert. Was ist Ihre Prognose: Wird Papst Benedikt XVI. als Kirchenlehrer in die Geschichte eingehen?

Bischof Voderholzer: Er wird als der Theologenpapst in die Kirchengeschichte eingehen. Da bin ich mir ziemlich sicher. Ich lese das auch an der großen Nachfrage nach seinen Gesammelten Schriften ab, die sein theologisches Werk zusammenfügen, die aber auch die Grundlage für die Lehrverkündigung des Papstes als obersten Hirten der Kirche bilden. Wo ich hinkomme in der Welt, erlebe ich eine ganz große Wertschätzung. Die Gesammelten Schriften sind mittlerweile auch in der polnischen, spanischen, französischen und englischen Ausgabe auf einem guten Weg. Das zeigt, wie groß die Sehnsucht danach ist, Theologie in einer Glaube und kritische Vernunft vermittelnden Weise darzustellen. Das ist ihm wie kaum einem Anderen gegeben.

Was wird darüber hinaus die bleibende Bedeutung Benedikts XVI. ausmachen?

Bischof Voderholzer: Natürlich wird man ihn auch immer als den Papst nennen, der als Erster in der Neuzeit freiwillig mit Hinweis auf sein Alter und auf seine die geistigen und körperlichen Kräfte strapazierenden Arbeitsbelastung auf sein Amt verzichtete. Dennoch wäre es eine allzu äußerliche Sicht, wenn er nur als derjenige gelten würde, der das Papstamt mit der Möglichkeit des Rücktritts verbunden hat. Sein theologisches und geistig-spirituelles Wirken wird diesen Aspekt sicher überstrahlen.

Inwiefern hatte Joseph Ratzinger – für einen Konzilsberater und für einen selbständigen Peritus – einen relativ großen inhaltlichen Einfluss auf das Zweite Vatikanische Konzil?

Bischof Voderholzer: Joseph Ratzinger war als Konzilsperitus und Berater von Josef Kardinal Frings in der Tat sehr einflussreich. Frings hat ihn in systematisch-theologischen Fragen immer zu Rate gezogen. Man möchte fast sagen, er habe ihm „blind vertraut“. Wie groß der Einfluss war, lässt sich ganz konkret anhand des Vergleichs der Stellungnahmen von Frings zum Schema De fontibus revelationis vor und nach der Beratung durch Joseph Ratzinger erkennen. Zunächst kritisierte er nur Äußerlichkeiten. Nachdem er sich aber mit der Kritik Ratzingers auseinander gesetzt und sie sich zu eigen gemacht hat, kommt es zu einer Fundamentalkritik, die dann den ganzen Ansatz des Schemas infrage stellt. In diesem Sinne hat er sich auch auf dem Konzil geäußert und wörtlich Ratzingers Position übernommen.

Die Heilige Schrift und die Tradition der Kirche sind Medien der Weitergabe der Offenbarung, die in Jesus Christus personal-geschichtlich zu ihrem Höhepunkt kommt. Diesem christologischen, personalen Ansatz, diesem geschichtlichen Denken, verhilft er durch seine Zuarbeit zum Durchbruch. Sein Einfluss war in der Frage der Offenbarungslehre und in der Frage der Kirchenlehre sehr bedeutend. Er hat aber seine Bedeutung selbst immer zurückgenommen, was seiner Bescheidenheit entspricht.

Wie war er darauf durch seine wissenschaftliche Laufbahn vorbereitet?

Bischof Voderholzer: Joseph Ratzinger war durch seine theologischen Qualifikationsschriften, die Doktorarbeit und die Habilitationsschrift, genau für die beiden großen Fragestellungen, Offenbarungslehre und Kirchenlehre, exzellent ausgewiesen. Das unterscheidet ihn von vielen Konzilsberatern und Konzilstheologen. Durch eine intensive Beschäftigung mit der entsprechenden Literatur und Quellenlage war er auf die entscheidenden Diskussionen auf das Allerbeste vorbereitet. Man kann es fast providentiell nennen. Wir sind ja seit ein paar Jahren in der glücklichen Lage, all diese Texte in den Gesammelten Schriften in Band 7 vor uns zu haben. Wir erleben ihn darin als jemanden, der schon im Vorfeld des Konzils wichtige Weichenstellungen mitgestaltet und dann mitgearbeitet hat. Unmittelbar danach hat er sich in der Interpretation und Kommentierung der Konzilstexte einen bedeutenden Namen gemacht. Er ist nicht müde geworden, auf eine angemessene Interpretation hinzuweisen, vor allem mit der deutlichen Betonung, dass der Geist des Konzils nicht vom Buchstaben gelöst werden kann, sondern dass der Geist im Buchstaben verborgen ist, wie es auch für die biblischen Texte gilt.

Welchen Zusammenhang leitete der junge Theologe Joseph Ratzinger aus der Kenntnis der Kirchenväter zwischen Kirche und Eucharistie ab?

Bischof Voderholzer: Wir sprechen in diesem Zusammenhang von der eucharistischen Ekklesiologie. Die Feier der Eucharistie ist nicht irgendeine Frömmigkeitsübung neben anderen, sondern sie ist kirchenkonstitutiv. Die Kirche empfängt sich als Leib Christi immer wieder neu aus der Feier des Kreuzesopfers von Tod und Auferstehung Jesu Christi. Im Vorfeld des Konzils gab es die Debatte, welche der beiden Bestimmungen für Kirche die Richtige sei, „Volk Gottes“ oder „Leib Christi“. Sein Doktorvater Gottlieb Söhngen hat vor dem Hintergrund dieser Fragestellung den jungen begabten Theologen Joseph Ratzinger auf Augustinus angesetzt, um bei ihm Antwort auf diese Frage zu finden. Was er schließlich entdeckt hat, ist, dass die Frage falsch gestellt ist. Es geht nicht um ein Entweder-oder, sondern um die In-Beziehung-Setzung.

Die geniale Formel, die dann auch das Motto von Band 8 der Gesammelten Schriften darstellt, lautet: Kirche ist Volk Gottes vom Leib Christi her. Das hängt auch mit einer Verhältnisbestimmung von altem und neuem Gottesvolk zusammen. Jesus ist ja nicht als jemand aufgetreten, der eine neue Religion stiften wollte, sondern als derjenige, der das Volk Israel neu gesammelt hat. In diesem Zusammenhang ist ja auch die Berufung der Zwölf eine äußerst symbolische Handlung. Die Apostel sind sozusagen die Stammväter des neuen Israel. Und dieses neue Volk Gottes wird im Pascha-Mysterium konstituiert, in Tod und Auferstehung Jesu Christi, das in der Eucharistie vergegenwärtigt wird. Das Konzil hat diese Sichtweise aufgenommen. Das Thema eucharistische Ekklesiologie ist zudem ganz stark ein ökumenisches Thema in Bezug auf die Ostkirche.

Kann man denn aus dieser Ekklesiologie auch die Hermeneutik der Kontinuität ableiten?

Bischof Voderholzer: Das ist ganz sicher richtig. Das kirchliche Leben vollzieht sich organisch und nicht in Sprüngen. Joseph Ratzinger hat aber vor allem eine Hermeneutik der Reform vorgeschlagen. Wichtig ist, dass es sich um eine Reform aus den großen Quellen der Glaubensgeschichte handeln muss, wie der Heiligen Schrift, der Lehre der Kirchenväter, der großen Zeugen der mittelalterlichen und neuzeitlichen Theologie. Die Krux der am Vorabend des Konzils in Rom vorherrschenden Lehrverkündigung war, dass sie sich sozusagen auf eine sehr kurzatmige Tradition stützte. Man spricht von der sogenannten Enzykliken-Theologie, die nur noch die päpstlichen Aussagen der letzten 100 Jahre zitiert hat und dabei den großen Atem der Theologie der Kirchenväter und der Scholastik aus dem Blick verloren hat. Henri de Lubac, einer der großen Gewährsleute für Joseph Ratzinger, hat immer die Traditionsvergessenheit der Traditionalisten angeprangert. In dieser Linie muss man auch Joseph Ratzinger/ Papst Benedikt XVI. sehen: Aus einer profunden Kenntnis der Heiligen Schrift, der Kirchenväter, der wahren scholastischen Tradition und neuzeitlichen Theologie geht es ihm um eine stetige Erneuerung der Kirche aus ihren großen Traditionssträngen und Quellen des Glaubens.

Erstmals entfernte Papst Benedikt XVI. die Tiara aus dem päpstlichen Wappen, gleich zu Beginn seines Pontifikats. Erkennen Sie auch für diese Entscheidung bereits eine Grundlage in den Arbeiten des jungen Konzilstheologen?

Bischof Voderholzer: Joseph Ratzinger geht von einem martyrologischen Verständnis des Petrusdienstes aus: Petrus ist der erste Zeuge der Kirche. In ihm ist die glaubende und verkündende Kirche in personaler Einheit gegeben. Auf alles, was diesem Verständnis im Weg steht, indem es nur auf äußere Machtfaktoren und politische Dimensionen verweist, kann verzichtet werden. Es geht darum, den eigentlichen Kern, die Verkündigung, Weitergabe und Begründung des Glaubens, zu stärken.

Joseph Ratzinger hat sich anfangs sehr mit der Primatstradition und ihrer Begründung auseinander gesetzt. Demnach ist Rom deswegen die bedeutendste Stadt der Kirche, weil dort die Apostel Petrus und Paulus für ihren Glauben ihr Leben gegeben haben. Über ihren Gräbern stehen die großen Kirchen. Erst als ein zweites Zentrum in Konstantinopel erwachsen ist, hat dann Rom auch weltliche Funktionen mit an sich gezogen. Der Primat des Papstes ist keine verkappte religiöse Monarchie, sondern das vom HERRN selbst der Kirche eingestiftete, personale Moment ihrer Einheit. Die Jesus-Bücher Papst Benedikts XVI. laufen auf das Petrus-Bekenntnis bei Caesarea Philippi hinaus: „Du bist der Messias, der Sohn des lebendigen Gottes“ (Mt 16,16), antwortet Petrus, der erst-berufene und erst-genannte (vgl. Mt 10,2; vgl. 1 Kor 15,5) stellvertretend für die anderen Apostel auf die Frage des Herrn, für wen sie ihn halten. Und der Papst legt dieses Bekenntnis aus: sowohl theologisch und historisch-kritisch verantwortet als auch geistlich durchdrungen und durchbetet, aktuell und für die Gegenwart verständlich. Darin besteht, gerade auch biblisch, die erste und wichtigste Aufgabe des Petrusdienstes.

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