Islamwissenschaftlerin: Distanzierung von Gewalt muss aus Mitte islamischer Theologie kommen

Warnung vor Sonderrolle des Islam hinsichtlich einer Einschränkung der Pressefreiheit

Von Michaela Koller

BONN, 6. Mai 2015 (Vaticanista/ZENIT).- Die Bonner Islamwissenschaftlerin Christine Schirrmacher warnt davor, nur in Bezug auf den Islam eine Einschränkung der Presse- und Meinungsfreiheit zu erwägen und nichts Kritisches oder Satirisches mehr zum Thema Islam zu veröffentlichen. „Das würde dem Islam als einziger Religion eine Sonderrolle als unantastbar zubilligen, wenn die Veröffentlichung von Satire und Spott über andere Religionen weiter erlaubt wäre“, sagte sie im Gespräch mit der Autorin. Schirrmacher ist Professorin am Institut für Orient- und Asienwissenschaften der Universität Bonn sowie wissenschaftliche Leiterin des Instituts für Islamfragen der Deutschen Evangelischen Allianz in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Sie habilitierte sich an der Universität Bonn mit einer Arbeit über die Positionierung einflussreicher muslimischer Theologen des 20. Jahrhunderts zu Religionsfreiheit, Menschenrechten und dem Abfall vom Islam. Keinerlei Rechtfertigung sieht Schirrmacher für die Anwendung von Gewalt, wenn sich Vertreter einiger islamischer Ausrichtungen durch die westliche Werteordnung provoziert fühlten. „Darauf mit Gewalt zu reagieren, ist nichts anderes als Terrorismus, der aufs Schärfste zu verurteilen ist“, fuhr sie fort.

Copyright: IGFM

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„Ich kann gut nachvollziehen, dass die Mehrheit der Muslime im Westen sich nicht ständig wegen jedes neuen Attentats im Namen ihrer Religion rechtfertigen will“, sagte Schirrmacher. Der Islamismus als politisierte Form des Islam und der Jihadismus, der die politische Umsetzung des Islam einschließlich der Anwendung des Schariarechts durchsetzen will, seien Anfang des 20. Jahrhunderts in einer Krisensituation im Nahen Osten entstanden. „Damals herrschten dort Stagnation, europäische Fremdherrschaft und fehlende Entwicklungen innerhalb der Theologie.“ Islamismus und Jihadismus seien relativ neuen Datums und prägten nicht den Islam oder die islamische Geschichte als solche.

Sie mahnte aber, die Distanzierung von Gewalt müsse aus der Mitte der islamischen Theologie kommen, die Kampfaufrufe Mohammeds dürften nicht als zeitlos gültig betrachtet werden. „Es gibt in der etablierten Theologie kein grundsätzliches Verbot von Kriegsführung und Gewalt zur Verteidigung des Islam und darauf beruft sich der politische Islam.“ Es gebe zwar viele Gebote zur Einschränkung der Gewaltanwendung beim Jihad und auch Bedingungen, ihn überhaupt zu führen, aber eben kein generelles Jihad-Verbot gerade in den autoritativen Quellen. Die Frage, wann sich der Islam „verteidigen“ müsse, könne natürlich sehr unterschiedlich interpretiert werden. Es gebe in den Quellen durchaus Aufrufe, gegen die „Ungläubigen“ in den Kampf zu ziehen oder auch, für den Islam zu streiten.

Gewalt zur Verteidigung des Glaubens zeigt sich nicht nur nach außen, sondern auch nach innen: Schirrmacher bestätigt auf Nachfrage, dass es immer Stimmen gab, die die Todesstrafe für die Abwendung vom Islam befürworteten. Auf entsprechende Äußerungen beziehen sich Schirrmacher zufolge diejenigen, die Attentate auf Abweichler und Kritiker des Islam verübten. „Der Abfall vom Islam wird mit dem Handeln gegen die politische Gemeinschaft verknüpft.“ Im Koran selbst werden keine irdischen Sanktionen, sondern Höllenstrafen für die Glaubensuntreue angekündigt; die islamische Überlieferung spricht von der Hinrichtung von Apostaten. Dabei beriefen sich Muslime auf Mohammed und die ersten Kalifen, die angeblich Konvertiten mit dem Tod bestraft haben sollen. Nach Mohammeds Tod wurden Stämme niedergekämpft, die sich von der muslimischen Gemeinschaft abgewandt hatten. „Daher gibt es auch Überlieferungen, die den Abfall vom Islam mit der Todesstrafe verknüpfen“, erklärt die Islamwissenschaftlerin. Das Scharia-Recht ordnet die Hinrichtung von Apostaten an. Selbst wenn es in vielen Ländern per Gesetz keine klaren Übertrittverbote gibt, bekommen Konvertiten sehr viel Druck aus der Gesellschaft zu spüren. „Das Empfinden, dass das Scharia-Recht das eigentliche Recht ist, das als Gottesrecht über dem staatlichen Recht steht, dieses Denken wird von manchen Theologen propagiert und ist gesellschaftlich tief verwurzelt“, berichtet Schirrmacher.

In Saudi-Arabien, Jemen und dem Sudan erfüllt Schirrmacher zufolge der Übertritt vom Islam zu einer anderen Religion ausdrücklich einen Straftatbestand. In den muslimisch geprägten Ländern Nordafrikas, des Nahen und Mittleren Ostens ergeben sich Schirrmacher zufolge Sanktionen für den Religionswechsel meist aus dem Zivilrecht: „Das Kuriose in diesen Ländern ist, dass es in den Verfassungen vieler islamisch geprägter Länder ausdrückliche Bekenntnisse zur Religionsfreiheit gibt“, sagt die Islamwissenschaftlerin weiter im Gespräch. „Aber es gibt de facto nur das Recht für Muslime und für Christen, ihren jeweiligen Glauben zu behalten, nicht jedoch den Religionswechsel und wenn, dann nur in Richtung Islam.“

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