Knotenlösung führt in die Freiheit

Tausende Gläubige aus ganz Bayern bei Wallfahrt zu „Maria Knotenlöserin“ in Augsburg

Von Michaela Koller

AUGSBURG, 12. Mai 2015 (Vaticanista/Die Tagespost).- Zu Tausenden sind am Samstag Pilger aus ganz Bayern nach Augsburg gekommen, zur Vorbereitung auf das hundertjährige Jubiläum der Patrona Bavariae. Ihr Ziel war in diesem Jahr die barocke Darstellung Maria Knotenlöserin, inzwischen weltbekannt durch deren Verbreitung in Lateinamerika durch Papst Franziskus, nachdem er sie 1986 anlässlich eines Augsburgbesuchs kennengelernt hatte. Die von Engeln umgebene Muttergottes löst darauf Knoten aus einem langen Band. Es war ein großes Familienglaubensfest, fast ein kleiner Katholikentag, mit reichlichem Rahmenprogramm an zwanzig Orten der Innenstadt: Kirchenführungen, Vorträgen, Bühnenprogramm mit Chören und Interviews zu kirchlichen und sozialen Themen. Kinder konnten rund um den Annahof Engel aus Gotteslob-Büchern basteln, Segensbändchen knüpfen oder am Spieleparcours teilnehmen.

Prozession zu St. Peter am Perlach; Copyright: M. Koller

Prozession zu St. Peter am Perlach; Copyright: M. Koller

Einige hundert Pilger, erkennbar an leuchtend pinkfarbenen Pilgerschals, Programm- und Liedheftchen, hörten bereits am Vormittag auf dem Augsburger Rathausplatz, als die erste frische Brise unter bewölktem Himmel aufzog, die Begrüßung des Ortsbischofs Konrad Zdarsa: „Augsburg ist nicht nur eine Stadt vieler christlicher Kirchen, sondern auch eine Stadt der Gottesmutter“, sagte er. An vielen Häusern gebe es Darstellungen Marias. Zentral rage dabei das Bild von Maria als Knotenlöserin hervor. „Mit Maria können wir unser ganzes Leben, Freude und Leid, in besonderer Weise in Gottes gütige Hände legen“, betonte Bischof Konrad. Besonders gefalle ihm beim Bild der Knotenlöserin der Bezug zum Alten Testament. Am unteren Rand sei die Gestalt des Tobias mit dem Engel zu sehen. „Das ist ein wunderschönes Bild für unseren christlichen Weg.“ Tobias, der vom Engel geführt werde, und darüber Maria, die die Verwirrungen unseres Lebens langsam löse. Am Ende des Tages sollte er mit Blick auf das wechselhafte Wetter auf derselben Bühne feststellen: „Es ist alles in der richtigen Reihenfolge gekommen: Erst die Taufe und dann die Firmung.“

Hinter der Kirche mit dem Gnadenbild St. Peter am Perlach verbinden einige Stufen das Rathausareal mit der darunterliegenden Sterngasse. Im dortigen Franziskanerinnenkloster Maria Stern erschloss die Augsburger Historikerin Gertrud Roth-Bojadzhiev ihren Zuhörern einen neuen Blick auf das nun weltberühmte Gnadenbild, der durch eine Spurensuche in der Geschichte ermöglicht wurde. „Über dieses Bild gibt es fast nichts“, eröffnete sie. In absehbarer Zeit werde es aber eine Publikation geben, unterstützt durch den Bürgerverein, der für den Erhalt der Kirche eintritt.

Das barocke Gemälde, dem der Bildtyp einer Maria Immaculata zugrunde liegt, schuf vermutlich – fünf Jahre vor seinem Tod – der schwäbische Kirchenmaler Johann Georg Melchier Schmidtner. Fest steht, dass es im Auftrag des Stifters Hiernoymos Ambrosius Langenmantel (1641–1718) entstand. Dieser entstammte einer Augsburger Patrizierfamilie und war Kanoniker am Kollegiatsstift St. Peter im Perlach und St. Moritz in Augsburg. „Der Stifter hatte extreme Mitspracherechte bei dem, was darauf zu sehen ist“, erklärte die Referentin. Um Näheres über die Motive der Stiftung sowie die Hintergründe einzelner Elemente in der Darstellung zu erfahren, sei es wichtig, sich mit seiner Umgebungskultur auseinanderzusetzen. Im Internet sei dazu reichlich zu lesen, jedoch seien diese Angaben keineswegs historisch gesichert.

Angeblich habe Langenmantel mit der Stiftung für eine Gebetserhörung danken wollen, die einst seine Großeltern vor der Trennung bewahrt haben soll. Der Ingolstädter Jesuitenpater Jacob Rem habe die Muttergottes um Fürsprache angefleht, als Wolfgang Langenmantel (1586–1637) und dessen Frau Sophia Rentz (1590–1649) sich trennen wollten, die sich aber in der Folge wieder versöhnten. Roth-Bojadzhiev hielt die Begründungsgeschichte weder für belegt noch für schlüssig.

In der Regel waren die Stiftsherren Roth-Bojadzhiev zufolge gefragte Prediger aufgrund ihrer Gelehrsamkeit, durch die sich ganz besonders auch der Stifter des Gnadenbildes auszeichnete. Neben einer breiten theologischen Bildung, die er an der Universität Ingolstadt erwarb, interessierte er sich noch für reichlich naturwissenschaftliche Themen, darunter für Optik, Gifte und Anatomie. Vor dem Hintergrund seines Wissensschatzes ging die Historikerin davon aus, dass Langenmantel auch das Werk Irenäus von Lyons „Gegen die Häresien“ aus dem zweiten Jahrhundert geläufig war, in dem es heißt: „Deshalb nennt das Gesetz sie, die mit einem Manne verlobt war, obwohl sie noch Jungfrau war, die Gemahlin des mit ihr Verlobten, und bezeichnet damit den Kreislauf von Maria zu Eva, weil nur dadurch das Gebundene gelöst wurde, dass die Bänder der Knoten zurückgeschlungen wurden.“

Er korrespondierte zudem mit großen Geistern seiner Zeit, darunter mit dem Universalgelehrten und Jesuiten Athanasius Kircher. Er könnte eine weitere Inspiration für das Knotenmotiv geliefert haben: „Alles ist durch geheime Knoten miteinander verbunden“, schrieb Langenmantels Freund in einem 1641 erschienenen Werk über Magnetismus, in dem er sich interessanterweise auch mit der Anziehung unter Liebenden auseinandersetzt. Die Suche nach einem Lebenspartner und Probleme in Beziehungen sind beliebte Anliegen, die Pilger zu Maria der Knotenlöserin tragen, deren langes Band auch dem Unkundigen diese Assoziation anbietet. „Ein flatterndes Band als Bildelement war in der damaligen Zeit extrem gebräuchlich“, erklärte die Historikerin Roth-Bojadzhiev gegen Ende ihres Vortrags.

Der Wörthseer Pfarrer Andreas Miesen, Priesterseelsorger und im Programm zudem als Logotherapeut ausgewiesen, lud gegenüber dem Dom im Haus St. Petrus Canisius zu seinem Vortrag „Mach’s wie Maria! Vom spirituellen Umgang mit Knoten in unserem Leben“. Ausgehend vom Motto des Festes „Mit Maria auf dem Weg – Ein Ja das befreit“ richtete sich der Pfarrer mit dem Satz an die Zuhörer: „Sie sind auch auserwählt“. Es gelte, den Willen Gottes wahrzunehmen, dazu Ja zu sagen und ihn zu tun und darin eben Maria zu folgen, die „heftige Knoten“ in ihrem Leben zu lösen gehabt habe. „Schauen Sie auf das entspannte Gesicht der Muttergottes“, riet er weiter. Es gelte, die Knoten im eigenen Leben mit kühlem Kopf zu entwirren. Ängste aber hinderten daran, sich diese Freiheit zu nehmen. Sich darüber bewusst zu werden, führe in die Freiheit und zur Lösung der Lebensknoten.

Gegenüber des Vortragssaals auf dem Domplatz konnten die Pilger nicht nur geistig, sondern auch ganz materiell in kleine Seile ihre persönlichen Anliegen anonym einknoten. In fünf großen Körben sollten Ministranten diese dann später zum Pontifikalgottesdienst in den Dom und daraufhin zur Marienweihe nach St. Peter tragen. Neben Tagesprogrammen, Liedheften und den omnipräsenten pinkfarbenen Pilgerschals bot die freiwillige Helferin Annemarie Wiedemann auch weiße und bunte, dicke und dünne Seilstücke in einem Korb an. „Es gibt Leute, die ihren Dank oder ihr Anliegen anonym dazuschreiben. Die Pfarreien haben Aktionen durchgeführt, ihre Anliegen über neun Monate hindurch gesammelt und heute mitgebracht“, erklärte sie.

Einige Meter weiter am Stand des Familienbunds der Katholiken gab es für die Jüngsten ein Riesenpuzzle aus Pappkartons mit dem Bild des Doms gegenüber zusammenzubauen. Der Augsburger Diözesanvorsitzende des Familienbunds der Katholiken Pavel Jerabek: „Wir bringen als politischer Verband für die Familien Knoten vor die Gottesmutter, die gesellschaftlich auf die Familien einwirken, weil der Staat immer stärker versucht, in das Familienleben einzugreifen und den Eltern die Gestaltungsfreiheit und Wahlfreiheit hinsichtlich der Betreuung der Kinder zu nehmen.“

Am Nachbarstand sammelte das Institut für Neuevangelisierung Unterschriften auf einem langen weißen Geschenkband, um damit Papst Franziskus zu Maria Knotenlöserin nach Augsburg einzuladen. Inzwischen hatte es zu regnen begonnen, erst fielen nur einige dicke Tropfen, dann prasselte der Regen heftig auf die weißen Zeltdächer der Stände. Referent Andreas Theurer, der vor drei Jahren als evangelischer Pfarrer katholisch wurde, erreichte gerade die Unwetterwarnung. Er ließ sich nicht aus der Ruhe bringen, händigte der Fragestellerin zunächst die Novene zu Maria Knotenlöserin mit Gebeten von Papst Franziskus aus und sprach: „Dass dieses Fest trotz des Wetters Freude bereitet, zeigt, wie schön Katholischsein ist. Tausende von Gläubigen sehen so, dass sie eine große Glaubensgemeinschaft sind“, sagte er schmunzelnd.

Der Domplatz leerte sich zwischenzeitlich und immer mehr Pilger strömten in den Dom, wo in anderthalb Stunden das Pontifikalamt mit allen bayerischen Bischöfen und dem Münchner Kardinal Reinhard Marx als Hauptzelebrant beginnen sollte. Die letzten Sitzplätze wurden gerade besetzt, als Pilgerbusbegleiter Thomas Jablowsky aus dem Erzbistum München und Freising im Gespräch mit der Tagespost erklärte: „Schön finde ich, dass Kardinal Marx Grüße von hier zum Papst bringen und von der Wallfahrt hier erzählen will. Durch Papst Franziskus ist die ganze Weltkirche mit Maria Knotenlöserin verbunden.“ Ihm liege am Herzen, die Weltkirche und die Knoten, die diese lösen müsse, bei dieser Wallfahrt vor die Muttergottes zu tragen. In einer Begegnung mit den Gläubigen aus seinem Bistum habe der Münchner Oberhirte verraten, dass er als junger Priester von dort einen Packen Postkarten mitgenommen habe und damals genauso wie einst Jorge Mario Bergoglio von dem Bild fasziniert war.

In der heiligen Messe erzählte Kardinal Marx nun noch einmal von seiner ersten begeisternden Begegnung mit dem Gnadenbild. In seiner Predigt verwies er auf die traditionelle Gegenüberstellung Mariens und Evas: Was in Eva verknotet worden sei, habe Maria aufgelöst und entkrampft. Der Mensch sei stets in der Versuchung, Recht haben zu wollen und sich wichtig zu nehmen. Diese Verkrampfung mache ihn unfrei und krank. Aber Gott schaue auf die Verknotungen in unserem Leben. Nur die Liebe, die uns von Christus geschenkt werde, könne uns in die Freiheit führen und unsere Verkrampfungen lösen. Bei Firmungen ermuntere er die Gäste der Firmlinge gerne, sich trotz Zwist neu in die Augen zu schauen und zu sagen: „Jetzt samma wieder gut.“ Der siebzigste Jahrestag des Kriegsendes habe daran erinnert, dass sich ganze Völker verknoten könnten. Kardinal Marx ermunterte die Gläubigen: „Ich wünsche Ihnen von ganzem Herzen, dass Sie immer wieder in der Begegnung mit dieser Frau, mit dieser Mutter, die Lösung, die Entkrampfung Ihres Lebens erfahren.“ Am Ende des Pontifikalamts gab der Münchner Erzbischof den Augsburgern und allen Pilgern eine Bitte mit auf den Weg: Für den Heiligen Vater zu beten, der ein großer Verehrer der Knotenlöserin sei.

Der Höhepunkt des Wallfahrtstags war schließlich die Marienweihe, zu der die Pilger hinter einem metergroßen Nachdruck des Gnadenbilds, der Fahnenabordnungen mit der Geistlichkeit durch die Innenstadt in einer Prozession zogen. Die Gläubigen versammelten sich vor der Bühne auf dem Rathausplatz in der inzwischen wärmenden Sonne, während Bischof Konrad Zdarsa in St. Peter am Perlach vor dem Bild der „Maria Knotenlöserin“ mit seinen Mitbrüdern im Bischofsamt betete: „Mutter Gottes, Patronin Bayerns, bitte für uns“, erneuerte er die Weihe des Bistums und Bayerns an Maria. „Sei Du die Patronin des Landes Bayern auch in dieser Zeit“, sprach er weiter. „Erbarme Dich unserer persönlichen Knoten und derer unserer Welt.“ Die Patrona-Bavariae-Wallfahrt wird in Bayern seit 2011 in jeweils einem Bistum veranstaltet. Der Abschluss ist für 2017 in München geplant. Dann jährt sich die Erhebung der Gottesmutter zur bayerischen Patronin zum 100. Mal.

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