Elternstreit um Religion: Gericht hindert Kinder an Erstkommunion

Scharia durch die Hintertür?

Von Michaela Koller

HAMM, 20. Mai 2015 (Vaticanista/ZENIT.org).- Zwei Grundschulkinder aus Nordrhein-Westfalen müssen wohl mit Taufe und Erstkommunion noch mehrere Jahre warten, weil es das Oberlandesgericht im westfälischen Hamm so entschieden hat. (AZ: 12 UF 53/14) Der Deutsche Anwaltsverein veröffentlichte eine dpa-Meldung über den exemplarischen Fall auf seiner Internetseite: Die beiden Kinder leben bei ihrer christlichen Mutter, besuchen die katholische Grundschule, nehmen am katholischen Religionsunterricht teil und gehen mit der Mutter und mit den Mitschülern regelmäßig in die Heilige Messe. Ihr muslimischer Vater, der von der Mutter geschieden ist, nutzte jetzt sein Sorgerecht für ein Veto.

„Die Kinder selbst wünschten die Taufe und Kommunion, weil auch alle ihre Freunde zur Kommunion gegangen seien und sie zu der Gemeinschaft, der die Familie ihrer Mutter angehöre, dazu gehören wollten“, heißt es in der Meldung. Das Gericht entschied in seinem zweitinstanzlichen Urteil, die Beiden sollten noch in keine der beiden Religionsgemeinschaften integriert werden. Im Alter von 14 Jahren können sie dann selbst entscheiden, ob sie sich taufen lassen wollen. Das zuständige Amtsgericht hatte zunächst der Mutter das Entscheidungsrecht zugesprochen.

Das Urteil der ersten Instanz entspricht durchaus der gängigen Rechtssprechungspraxis, wie der Düsseldorfer Fachanwalt für Familienrecht Alexander Heumann in einem Kommentar bemerkt. „Stutzig macht den Kenner der Materie allerdings, dass hier – entgegen sonstiger, nicht immer überzeugender Gepflogenheiten der Familienjustiz – bei Streitigkeiten über Unterabteilungen des Sorgerechts nach § 1628 BGB – etwa bei Streit über das Aufenthaltsbestimmungsrecht (Elternteil will mit den Kindern weit weg umziehen) oder bei gesundheitlichen (medizinische Maßnahme, Impfung etc.) oder schulischen Belangen (Schulwahl bei Einschulung oder weiterführender Schule) – nicht dem Elternteil, bei dem die Kinder leben, gemäß § 1628 BGB das alleinige Entscheidungsrecht übertragen, sondern dessen Antrag abgewiesen wurde.“

Der Jurist argumentiert weiter, dass das Kontinuitätsprinzip dem Kindeswohl dienlich gewesen wäre. Das hätte im Klartext bedeutet, dass die beiden Kinder zusammen mit ihren Schulfreunden zur Erstkommunion gehen sollten. Heumann sieht das Urteil aber durchaus im Zusammenhang mit einem Urteil des Bundesgerichtshofs, das die religiöse Erziehung in die Pubertät verschiebt. Durchaus schlüssig bemerkt er: „Jugendliche im Alter von vierzehn Jahren aufwärts haben in der Regel andere Sorgen als die Wahl ihrer Religion, die hergebrachter Weise gerade in früheren Jahren ihre prägende, erzieherische Wirkung entfalten soll.“

Heumann wirft abschließend die Frage auf, „ob das OLG Hamm bei einem evangelischen oder hinduistischen Vater ebenso entschieden hätte“. Zudem frage er sich, ob diese überhaupt gegen die christliche Taufe ihrer Kinder Einspruch erhoben hätten. Tatsache ist jedenfalls, dass nach schariarechtlichen Vorstellungen diese Kinder ohnehin Muslime sind. Die Zugehörigkeit zur muslimischen Gemeinschaft richtet sich eben – im Gegensatz zum Christentum – nicht nach einem freien Willensakt, wie ihn die Taufe darstellt, sondern nach der väterlichen Abstammung. In muslimisch regierten Ländern gelten getaufte und ihr Christentum praktizierende Kinder eines muslimischen Vaters als Apostaten.

In dem Urteil ist nichts über die Nationalität des Vaters angegeben. Kommt er jedoch aus Saudi-Arabien, dem Jemen oder dem Sudan, so sollten sich die Kinder vor Reisen in das Herkunftsland hüten: In allen drei Ländern erfüllten sie mit ihrer christlichen Glaubenspraxis einen Straftatbestand. In vielen anderen muslimisch geprägten Ländern ergeben sich Sanktionen für den Religionswechsel meist aus dem Zivilrecht. Der Redaktion sind Fälle bekannt, in denen eine Konversion im Kindesalter wohl auf lange Sicht Reisen ins väterliche Herkunftsland erschwert, weil die Trennung von Staat und Religion dort noch von der politischen Realität weit entfernt ist. Heumann warnt zurecht vor einer allzu großen Rücksichtnahme auf kulturelle Befindlichkeiten. Die Gefahr besteht, dass auf diesem Weg schariarechtliche Vorstellungen in die deutsche Rechtspraxis über eine Hintertür des Wohlwollens eindringen.

 

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