„Ein großer Wurf“ zur rechten Zeit

Kardinal Marx zur Enzyklika „Laudato si“

Von Michaela Koller

MÜNCHEN, 4. Juli 2015 (Vaticanista/Die Tagespost).- „Ein großer Wurf“ sei Papst Franziskus mit der neuen Enzyklika „Laudato si“ gelungen. Davon ist Reinhard Kardinal Marx überzeugt, der als Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz das päpstliche Rundschreiben in der Katholischen Akademie in München vorstellte – zur selben Stunde, wie der Vatikan das Dokument vorstellte. Er hofft nun auf ein globales Umdenken in Wirtschafts- und Umweltfragen. „Heute redet der Papst der Welt und auch der Kirche ins Gewissen, ob gelegen oder ungelegen.“ Große Erwartungen werden mit dem Dokument seinen Beobachtungen zufolge verknüpft und mit Spannung sei es erwartet worden. In den zurückliegenden Wochen haben politisch Verantwortliche Kardinal Marx mehrfach gefragt, ob er schon den Text kenne. In Fragen der Klimafolgenforschung schließe sich der Papst der großen wissenschaftlichen Mehrheitsmeinung an, die die Menschen für die Erwärmung als hauptverantwortlich betrachtet. „Wir wissen genug, um handeln zu können“, sagte Marx.

Die Enzyklika komme zur rechten Zeit, sagte der Kardinal, weil sie vor dem Klimagipfel im November in Paris nun in die konkrete politische Agenda eingebaut werden könne. Papst Franziskus prangert darin die Zerstörung des Planeten an, durch Verschmutzung, Klimawandel und Wasserknappheit, die zum Verlust der Artenvielfalt und zu weltweiter sozialer Ungerechtigkeit führten. „Umweltschutz und soziale Gerechtigkeit lassen sich nicht voneinander trennen“. Die im Vorfeld benutzte Bezeichnung einer Umwelt- oder Klimaenzyklika greife zu kurz.

Der Papst ziele darauf ab, dass alle Menschen guten Willens das, was der Welt widerfahre, in „persönliches Leiden“ verwandelten. Er nehme sich selbst, die Kirche und die Weltgemeinschaft in die Pflicht. „Mit der Enzyklika wendet sich der Papst nicht nur an die Kirche, die Gläubigen und die Herrschenden. Er wendet sich an jeden einzelnen Menschen im gemeinsamen Haus der Erde“, heißt es in einer schriftlichen Erklärung des Kardinals. Besonders aber sehe Franziskus die entwickelten Länder in der Verantwortung. „Wer die Schöpfung nicht liebt, kann deshalb auch kein wirklich guter Christ sein“. Der Glaube an Gott sei auch mit der Liebe zur Schöpfung verbunden. Es gebe zudem keine Ökologie ohne eine angemessene Anthropologie. Man könne nicht gleichzeitig für die Umwelt und für Abtreibung sein. Papst Franziskus bitte, theologische und sozialethische Aspekte in die Analysen zur Vorbereitung politischer Schritte mitzuberücksichtigen. Mit Franziskus habe er schon wiederholt festgestellt: „Wir brauchen eine neue Fortschrittsidee.“

Indem Franziskus die Zeichen der Zeit lese, nehme er auch zur Kenntnis, was bereits positiv im Sinne des dritten Teils der Enzyklika, in dem es um das Handeln geht, geleistet worden sei. Kardinal Marx bezog sich dabei auch auf die Würdigung der inhaltlichen Arbeit einzelner Bischofskonferenzen, wie der bolivianischen, australischen, brasilianischen und der deutschen Bischöfe seit den 90er Jahren, die sich in „Laudato si“ durch Zitate zeige. „Das gibt uns nochmal Schwung“, sagte der Kardinal mit Blick auf die an alle gerichteten Ermahnungen im Schreiben. Dem Papst gelinge es durch die Berücksichtigung der Bischöfe weltweit auch, die Kirche näher zusammenzuführen. Den 1968 verstorbenen Münchner Religionsphilosoph Romano Guardini, konkret dessen Werk „Das Ende der Neuzeit“, zitiere er am häufigsten.

Kardinal Marx rechnet mit einer überragenden Rezeption des Dokuments. „Keine andere Institution in der Welt kann Texte auflegen, die Hunderttausende zugleich weltweit lesen. Kein Rio-Text kann das bewirken“, sagte der Erzbischof von München und Freising. Jetzt könne auf der Grundlage der Enzyklika eine weltweite Debatte beginnen, wie eine ökologisch-soziale Marktwirtschaft aussehen könnte und dazu Regeln weltweit vereinbart werden könnten. „Franziskus hofft auf die Kraft der Religionen bei der Bewältigung der ökologischen Krise“, betonte er. Dabei ende „Laudato si“ hoffnungsvoll, weltlich gesprochen „optimistisch“, indem Franziskus dazu die Gläubigen aufruft, singend voran zu gehen. Er glaube daran, dass die Menschen sich in Freiheit für das Gute entscheiden werden.

Der Münchner Sozialethiker Professor Markus Vogt bezeichnete „Laudato si“ als Meilenstein in der Entwicklung der katholischen Soziallehre. „Erstmals werden der Klimawandel und die eng mit ihm verbundene Wasser- und Ernährungskrise als zentrale Zukunftsherausforderung benannt und aus ethischer Perspektive reflektiert.“ Die Enzyklika gewinne Züge einer „scharfen Gesellschaftskritik“, weil sie die allgemeine Fixierung auf Konsum brandmarke. Widerspruch erwartet Vogt im Laufe der nächsten Zeit von Klimaskeptikern, da diese auch in Teilen der Kirche, gerade in den USA, Einfluss hätten. Vogt betonte die „lange Geschichte von Konferenzen und Gesprächen hierzu im Vatikan“, bei denen auch die Einwände gehört worden sind. Papst Franziskus schließe die mögliche Wirksamkeit anderer Faktoren zum Klimawandel in seinem Rundschreiben nicht aus.

Für Sozialenzykliken neu sei dabei, dass die Machtfrage und damit zugleich auch Fragen des Wirtschafts -und Finanzsystems so „prägnant und deutlich“ angesprochen werden. Strukturelle und individuelle Aspekte der Verantwortung würden dabei zusammen gedacht. Der Begriff von Ökologie, den der Papst verwende, sei nicht auf Naturschutz beschränkt, sondern verweise vielmehr auf ein „Denken in Beziehungszusammenhängen“. „Ökologische und soziale Fragen werden als untrennbare Einheit verstanden“, sagte Vogt. Darin enthalten sei, wenn auch nicht ausdrücklich genannt, ein Konzept von Nachhaltigkeit mit vorrangigem Schutz von Klima und Artenvielfalt plus dem Zugang der Armen zu Wasser und fruchtbarem Boden. Franziskus fordere einen Kulturwandel zugunsten ökologischer Verantwortung, radikal kritisiere er den „modernen Anthropozentrismus“. „Immer wieder wird der Eigenwert der Tiere und Pflanzen hervorgehoben“, sagte Vogt.

Auch „Dialog“ sei ein Leitbegriff der Enzyklika. „Der Dialog hat sowohl eine innerkirchliche Dimension (Dialog mit den Stimmen der Weltkirche) als auch eine ökumenische und interreligiöse Dimension“, stellte er fest. Patriarch Bartholomaios zitiert der Papst lang und ausführlich, „ein deutliches ökumenisches Signal und in dieser Art auch formal ein Novum für Sozialenzykliken“, wie Vogt bemerkte. Bartholomaios gilt als „grüner Patriarch“. Unter anderem von Patriarch Bartholomaios, aber auch von Papst Johannes Paul II. Inspiriert, seien die Überlegungen zur ökologischen Umkehr, einer notwendigen Erneuerung des Lebensstils und der Konsummuster. Insgesamt sei die Enzyklika „auf einen Grundton der Ermutigung gestimmt“, verfasst in einer packenden und bildreichen Sprache.
[Erstmals erschienen in: Die Tagespost, 20. Juni 2015]

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