„Die orthodoxe Kirche spielt gesellschaftspolitisch eine sehr wichtige Rolle“

Interview mit dem Experten für die Russisch-Orthodoxe Kirche Rudolf Prokschi

WIEN/HAVANNA, 17. Februar 2016 (Vaticanista/ZENIT.org).- Erstmals in der Geschichte hat hat vorigen Freitagabend ein Papst den Patriarchen der Russisch-Orthodoxen Kirche getroffen. Pastoralreisen führten die beiden Kirchenoberhäupter diese Woche nach Lateinamerika. Der historische Gipfel fand daher auf Kuba statt. Michaela Koller befragte Professor Rudolf Prokschi, Experte für die Russisch-Orthodoxe Kirche und Fachvorstand für Theologie und Geschichte des Christlichen Ostens an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien, nach Hintergründen des Treffens. Der katholische Priester, der auch Vorsitzender der Ökumene-Kommission der Erzdiözese Wien ist, beleuchtet dabei auch die historische Dimension des Dialogs zwischen Beiden. Das Gespräch wurde kurz vor der Begegnung geführt. Es zeigt, wie treffsicher die Prognose des Experten war.

Professor Dr. Rudolf Prokschi; Foto: privat

Professor Dr. Rudolf Prokschi; Foto: privat

Zwischen katholischen und orthodoxen Christen gibt es inzwischen auf höchster Ebene einen herzlichen Austausch. Es war sogar ein Novum seit dem Schisma von 1054, als der ökumenische Patriarch von Konstantinopel, Patriarch Bartholomaios, vor drei Jahren zur Amtseinführung von Papst Franziskus nach Rom anreiste. Seither folgten mehrere Begegnungen. Was ist nun das besonders Ökumenische an dem Treffen zwischen dem russisch-orthodoxen Patriarchen Kyrill und dem Papst?

Rudolf Prokschi: Es hat sich eigentlich von Beginn des Pontifikats an ein sehr herzliches Verhältnis zwischen Patriarch Bartholomaios und Papst Franziskus ergeben. Ein Treffen eines Papstes mit einem russisch-orthodoxen Patriarchen hat es aber noch nie gegeben. Papst Leo XIII. (1878-1903) hat sich bereits um Russland sehr bemüht und versucht, Kontakte herzustellen. Seit rund 20 Jahren wird nun schon öfter in den Medien von einer möglichen Begegnung mit dem russischen Patriarchen gesprochen. Fast wäre es dazu bereits anlässlich der Zweiten Europäischen Ökumenischen Versammlung, die sich 1997 in Graz traf, gekommen. Das hätte damals im Kloster Heiligenkreuz im Wienerwald, auf neutralem Boden, stattfinden sollen. Es war schon eigentlich ein großer Wunsch von Papst Johannes Paul II., dass es zu einer Begegnung kommt. Das Verhältnis der russischen Orthodoxie zu Papst Benedikt XVI. war ein sehr gutes. Man hat ihn sehr als Theologen geschätzt. Der offizielle orthodox-katholische Dialog wurde 2006 in Belgrad wieder aufgenommen, nachdem er wegen der Frage der Unierten still stand.

Wie haben nun die Reisepläne, die beide unabhängig voneinander nach Lateinamerika führen, das Vorhaben beschleunigt?

Rudolf Prokschi: Das ist ganz etwas Wichtiges: Kyrill kann den Papst nicht nach Moskau einladen, da es vor Ort zu viele Widerstände von sehr anti-ökumenischen Gruppierungen gibt. Da wäre Feuer unterm Dach. Und er kann auch nicht nach Rom gehen, weil viele russisch-orthodoxe Kreise auch dagegen wären. Papst Franziskus soll den großen Wunsch geäußert haben, dass das Treffen zustande kommt und er daher bereit sei, überall hinzureisen. Nun ist es so, dass Franziskus einen Abstecher nach Kuba macht und Kyrill seine Pastoralreise auf Kuba beginnt, die ihn dann weiter nach Paraguay und Brasilien führen wird. In einem gewissen Sinn kommt der Papst dem Patriarchen auch entgegen.

Sie waren vorigen Sommer ja noch sehr skeptisch, was so eine Begegnung betrifft. Sie schrieben in einem Aufsatz vom August: „Auch zwischen den Kirchen, scheint es, herrscht ein neuer Kalter Krieg.“ Was ist jetzt anders?

Rudolf Prokschi: Metropolit Hilarion, [zuständig für die Außenbeziehungen des Moskauer Patriarchats; Anm. d. Red.] kritisierte auch wieder auf der Pressekonferenz, bei der er das Treffen ankündigte, die Ukrainische Griechisch-Katholische Kirche. In letzter Zeit hat er zu Fragen der Ost-Ukraine und der Krim immer sehr scharf gegen die Unierten reagiert. In diesem Punkt hat sich nichts geändert. Jetzt begründete er das Zustandekommen der Begegnung damit, dass man unbedingt zu den christlichen Brüdern und Schwestern in der Konfliktregion Nahost, Syrien und Umgebung, stehen müsse.

Ich vermute, dass zwei Punkte nun eine Rolle spielen: Zunächst ist da das gute Verhältnis des Papstes zum Ökumenischen Patriarchen. Der russische Patriarch möchte die internationale Bühne nicht dem Patriarchen von Konstantinopel allein überlassen. Mit dieser Ankündigung, die bei uns in Österreich sogar in den Weltnachrichten gekommen ist, kehrt er in die internationalen Medien zurück und wir sehen, wie die Öffentlichkeit heute auf dieses Treffen reagiert. Der zweite Punkt ist das bevorstehende Panorthodoxe Konzil. Sicher hat man in den Statuten im Vorfeld beschlossen, dass nur einmütige, also einstimmige, Entscheidungen gefasst werden können, und nur von den 14 allgemein anerkannten, autokephalen Kirchen, wobei jede Kirche, unabhängig von ihrer Größe, nur eine Stimme hat. Trotzdem geht es jetzt schon im Vorfeld darum, wer den Grundton angibt.

Wie ist denn dieser Gegensatz historisch zustande gekommen?

Rudolf Prokschi: Die Russisch-Orthodoxe Kirche hat sich durch Jahrhunderte bemüht, eine selbständige autokephale Kirche zu werden, während sie von Byzanz, von Ostrom, abhängig war. Nachdem Konstantinopel durch die heranstürmenden Osmanen politisch immer schwächer wurde, hat sich die russische Kirche erstmals 1448 selbst ihren Metropoliten unter Großfürst Wassili II. bestimmt, dem es gelungen war, einen einheitlichen Staat zu formen. Iwan III., der Nachfolger Wassilis, übernahm den Zaren-, also Kaisertitel. Er hatte die Nichte des letzten byzantinischen Kaisers, Sofia Palaiologa, geheiratet. Moskau verstand sich fortan als „Drittes Rom“. Es kam dann die Erhebung zum Patriarchat im Jahr 1589, wobei da schon die Tatsache eine Rolle spielte, dass der damalige Patriarch von Konstantinopel Jeremias II. nach Moskau gekommen war, um finanzielle Unterstützung zu erbitten. Damit wollte er den Sultan am Bosporus mit entsprechenden Geschenken positiv für sich stimmen, um so seine Position als oberster Repräsentant aller Orthodoxen im Osmanischen Reich zu erhalten. In dieser Phase hat der russische Zar Druck gemacht und die Erhebung zum Patriarchat erreicht.

Wie hat sich denn die Russisch-Orthodoxe Kirche zu einer Staatskirche entwickelt?

Rudolf Prokschi: Peter der Große war ein Einschnitt. Für ihn waren die Patriarchen in der Vergangenheit zu mächtig. Er ließ deshalb zunächst keinen neuen Patriarchen wählen und setzte einen Patriarchatsverweser ein. Sein politisches Ziel bestand aber darin, das Patriarchat abzuschaffen und an dessen Stelle den „Heiligen Dirigierenden Synod“ einzusetzen. Der Synod wurde zwar vom Metropoliten von St. Petersburg geleitet, aber letztlich vom Vertreter des Zaren in diesem Gremium, dem Oberprokuror, gelenkt. Dieser Vertreter bestimmte die Kirchenpolitik. Es war eine sehr stark an die Staatsmacht gebundene Kirche. Als Vorbilder für seine Kirchenreform dienten Peter die Kirchenordnungen Preußens und anderer protestantischer Länder.

Es ist eine historisch gut nachzuzeichnende Linie, die das Verhältnis der kirchlichen Autorität zur staatlichen Macht widerspiegelt. Letztlich hat sich da der staatliche Arm immer wieder durchgesetzt. Nur in der ersten Zeit nach der Oktoberrevolution war es so, dass man die Kirche und überhaupt die Religionsgemeinschaften auslöschen wollte. Mit dem Eintreten der Russisch-Orthodoxen Kirche bei der aktiven Unterstützung im „Großen Vaterländischen Krieg“, also Zweiten Weltkrieg, erkannte die kommunistische Führung, dass man die Kirche nicht ganz auslöschen kann. In der Folge versuchte sie immer wieder, sie für ihre Zwecke zu instrumentalisieren.

Dann kam die Wende und danach hat sich das Verhältnis zur Politik gesteigert. Putin hat sich als Präsidentschaftskandidat den Segen des Patriarchen in der ehemaligen Krönungskathedrale im Kreml geben lassen. Das ist eine symbolische Handlung, die nicht zu unterschätzen ist. Wenn der Patriarch ihm als Kandidaten den Segen gibt, ist das mehr als eine Wahlempfehlung. Putin hat dann die Wahl sofort gewonnen und die Macht seither nicht mehr losgelassen. Da es in Russland keine ausgeprägte Parteienlandschaft gibt, spielt die orthodoxe Kirche gesellschaftspolitisch eine sehr wichtige Rolle. Das wissen auch die Politiker.

Inwiefern spielt denn das Verhältnis zu den weltlichen Herrschern möglicherweise auch aktuell in die Entscheidung für ein Treffen mit dem Papst hinein?

Rudolf Prokschi: Der Kremlsprecher hat das angekündigte Treffen begrüßt und auf ein gutes Gelingen gehofft. Ja, es ist sicher auch die Politik Putins, die mit hineinspielt.

Russland hat ja erst vor kurzem begonnen, Stellungen der Terrororganisation Islamischer Staat und anderer Gruppen in Syrien anzugreifen, mit dem erklärten Ziel, die syrische Regierung zu stützen. Nun gibt es katholische Würdenträger, denen dieses Handeln durchaus entgegenkommen könnte, wie dem melkitisch-griechisch-katholischen Patriarchen Gregorios III. Laham…

Rudolf Prokschi: Ich habe selbst mit ihm gesprochen und er sagte, die Situation der Christen unter Assad sei eine durchaus gesicherte gewesen, mit einem gewissen Freiraum. Er ist strikt gegen die Politik des Westens, der bis vor kurzem gesagt hat, es könne nur eine Lösung ohne Assad geben. Die Russen haben hingegen bewusst mit ihrem Eingreifen das Regime gestützt. Ich würde Ihnen durchaus zustimmen, wenn Sie meinen, dass hier eine Brücke ist, die Politik Russlands auch international zu unterstützen.

Was erwarten Sie, was in der gemeinsamen Erklärung stehen könnte?

Rudolf Prokschi: Ich will keine Wahrsagerei betreiben. Aber die Erklärung wird sicherlich zum Nahostkonflikt eine klare Passage enthalten, in der von der schweren Bedrängnis der christlichen Schwestern und Brüder die Rede ist, und dass wir, die Christen, ihnen unbedingt beistehen müssen. Wie diese Hilfe aussehen muss, das ist eine andere Frage. Spannend bleibt, wie die Erklärung mit der Frage der griechisch-katholischen, mit Rom unierten Kirchen umgehen wird. Da hat die internationale Dialogkommission 1993 in Balamand, im Libanon, eindeutig festgehalten, dass diese Kirchen nicht nur ein Existenzrecht haben. Sie sollen auch für ihre Gläubigen entsprechende seelsorgliche Strukturen aufbauen können.

Professor Prokschi, wir danken Ihnen ganz herzlich für das Gespräch.

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