Hass ist kein Naturgesetz

Eine Tagung der Hanns-Seidel-Stiftung und Sant‘ Egidio beleuchtet die Lage der christlichen und jesidischen Flüchtlingen in den syrischen Anrainerstaaten

Von Michaela Koller
MÜNCHEN, 17. Februar 2016 (Vaticanista/Die Tagespost).- Bundesentwicklungsminister Gerd Müller (CSU) hat am Rande der Münchner Sicherheitskonferenz die mangelnde Bereitschaft zur Flüchtlingshilfe im Nahen Osten kritisiert: „In London sind nicht genügend Gelder zugesichert worden“, sagte er bei einer Gesprächsrunde „zur Lage der christlichen und jesidischen Flüchtlinge in den syrischen Anrainerstaaten“. Allein Deutschland wird 2,6 Milliarden zur Gesamtsumme von nicht einmal zehn Milliarden Euro beisteuern. Mit sechs Milliarden, die bereits in diesem Jahr zur Verfügung gestellt werden, liegen die Zusagen, die unter rund 70 Teilnehmerstaaten zusammenkamen, noch unter dem Bedarf von sieben Milliarden, die die Vereinten Nationen für 2016 errechnet haben. Auch die Russen hätten in London „keinen Euro eingesetzt“. Hauptziel der Flüchtlinge sind vor allem jene Länder, die unmittelbar an die Konfliktzonen angrenzen. Es sind oft Länder, die schon vor der Krise Hilfe benötigten. UN-Angaben zufolge haben 1,8 Millionen Menschen in der Türkei Zuflucht gesucht, weit mehr als eine Million allein im kleinen Libanon, mehr als 600 000 in Jordanien. Der Irak, der rund 250 000 syrische Flüchtlinge beherbergt, zählt zu den Ländern mit den meisten Binnenvertriebenen, insgesamt 3,6 Millionen. „Die Last, die diese Länder tragen, ist enorm groß“, sagte Professor Ursula Männle, Vorsitzende der Hanns-Seidel-Stiftung, in ihrer Begrüßung. Unter den Geflüchteten seien zahlreiche Christen und Angehörige anderer Religionsgemeinschaften wie der Jesiden.

Bei der Diskussion, zu der die Hanns-Seidel-Stiftung in Zusammenarbeit mit der Gemeinschaft Sant‘ Egidio eingeladen hatte, schilderte Minister Müller, wie es den aus Syrien Geflüchteten nur noch ums Überleben geht: Bei seinem Besuch eines Lagers in Dohuk sei ihm ein Familienvater begegnet, dessen vier Söhne die Terrororganisation „Islamischer Staat“ ermordet hatte. Der Mann habe ihm offenbart, keine Zeit zum Trauern zu haben: Seine Ehefrau und seine Tochter seien noch in der Gewalt der Jihadisten. Die Mehrheit von 90 Prozent der Menschen aus Syrien und dem Irak möchte dort bleiben, oder in ihre Heimat zurückkehren. Er erinnerte an die Lasten, die die Nachbarländer tragen: In der nordirakischen Stadt Dohuk mit 500 000 Einwohnern seien inzwischen 850 000 Flüchtlinge untergebracht. Ausdrücklich lobte er den Beitrag der Kirchen wegen ihrer Nähe zu den Notleidenden.

Vian Dakhil, „Stimme der Jesiden“ und einziges jesidisches Mitglied des irakischen Parlaments, sprach über das Schicksal ihrer Religionsgemeinschaft, die der „Islamische Staat“ regelrecht jagt, um sie zu versklaven oder zu töten. „Zwischen dem 3. und 5. August 2014 ist den Jesiden in Sindschar alles Schlechte passiert, was man sich nur vorstellen kann“, sagte sie mit bebender Stimme. Mit ihren Appellen an die Weltgemeinschaft, den Jesiden zu helfen, setzte sie sich selbst höchster Gefahr aus. Aber seitens der internationalen Gemeinschaft passierte nichts. Wegen des Vormarsches der Jihadisten flohen sie aus Mossul und Sidschar ins kurdische Gebiet um die Stadt Erbil sowie ins Gebirge. Insgesamt sind 450 000 Jesiden vertrieben worden, 85 Prozent der Flüchtlinge lebten unter erbärmlichen Umständen in Zelten. „Was sage ich einer Mutter, die ihre Tochter für 1 000 oder 2 000 Dollar zurückkaufen möchte, aber das Geld nicht aufbringt“, fragte sie. Nachbarn, mit denen sie viele Jahre friedlich Seite an Seite lebten, beteiligten sich an der Versklavung.

Copyright: Hanns-Seidel-Stiftung

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Elias Toumeh, rum-orthodoxer Weibischof in der Erzdiözese Akkar im syrischen Tal der Christen, warnte vor den Folgen des Exodus seiner Glaubensgeschwister hinsichtlich der künftigen Realität seiner Heimat: „Ich fürchte weniger um die Zukunft der Christen in Syrien als um die Zukunft Syriens ohne Christen.“ Eingangs warnte er davor, die Not der Menschen, die sich nach Europa durchschlagen, gering zu schätzen und ihnen rein wirtschaftliche Motive zu unterstellen. „Das sind qualifizierte Leute, die sich nach Frieden sehnen“, sagte er in einem leidenschaftlichen Appell vor rund 300 Zuhörern. Er empfahl, strategische Projekte in Syrien zu installieren, um den Menschen vor Ort Zukunftsperspektiven zu erschließen, Hoffnung auf ein Leben nach dem Krieg. Er forderte, vor allem darauf zu achten, dass religiöse Minderheiten am politischen Leben gleichberechtigt beteiligt werden, auf rechtlicher Grundlage und nicht aufgrund von Privilegien, die wieder zurückgenommen werden können.

Der Erlangener Professor Heiner Bielefeldt, der UN-Sonderberichterstatter für Religions- und Weltanschauungsfreiheit ist, mahnte daher dazu, sich lückenlos für die Durchsetzung der Religionsfreiheit und religiösen Pluralismus einzusetzen. Daher sollten keine religiös homogene Kantone errichtet werden. „Dann hat der ,Islamische Staat‘ gesiegt“. Die Terrororganisation strebe ja eine religiöse Homogenisierung an. Der IS versuchte selbst, die Spuren der Vergangenheit religiöser Vielfalt auszulöschen.

Er warnte vor Fatalismus: „Es ist kein Naturgesetz, dass sich Schiiten und Sunniten hassen“, sagte Bielefeldt. Er wisse von Beispielen friedlichen Zusammenlebens zwischen Anhängern beider Richtungen, auch auf die Vermittlung von Christen. „Es ist gemachter Hass“, betonte der Theologe und Philosoph. Ein saudischer Professor für Politikwissenschaft, ausgerechnet aus Mekka, habe ihm ein Plädoyer für einen säkularen Staat in englischer Sprache überreicht. Der Gelehrte habe darin islamisch argumentiert und wende sich gegen die Korruption im religiösen Denken.

Erzbischof Ludwig Schick, Vorsitzender der Kommission Weltkirche der Deutschen Bischofskonferenz, war mit der Erfahrung einer Reise auf die Arabische Halbinsel in die Diskussion gekommen, die er erst wenige Tage zuvor beendet hatte. Er habe in jedem Land die Regierungsverantwortlichen für religiöse Angelegenheiten gesprochen und bemerkt, dass alle Angst vor den Angehörigen anderer Glaubensrichtungen haben. „Eine Heidenangst“. Er plädierte daher für einen interreligiösen Dialog, um auch innerhalb des Islam Frieden zu stiften. Der Bamberger Oberhirte setzt auf die versöhnende Kraft der Religion- und auf Bildung: „Wir dürfen keine ,lost generation‘ zulassen“, sagte er.

Auch Professor Klaus Reder, Vorsitzender der Gemeinschaft Sant‘ Egidio in Deutschland, erklärte: „Dialog ist die Antwort auf das tiefe Bedürfnis nach friedlichem Zusammenleben.“ Die weltweit tätige Laienbewegung setzt sich durch diskrete Vermittlertätigkeit für Frieden und in zahlreichen Projekten für die Freundschaft mit den Armen ein. Sant‘ Egidio organisiert zudem die jährlichen weltweiten Gebetstreffen für den Frieden, zu denen Repräsentanten zahlreicher Religionsgemeinschaften aus aller Welt anreisen und dort miteinander ins Gespräch finden. Reder ist optimistisch, was die Zukunft Europas nach der Flüchtlingskrise betrifft: „Europa wird sich ändern. Europa wird besser werden.“

[Erstmals erschienen in: Die Tagespost, 16. Februar 2016]

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