„Zeigen wir doch, selbstbewusster vielleicht als bisher, auch unseren christlichen Glauben“

Copyright: Kathrin Erbe

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Nach seiner Libanonreise – der Hamburger Erzbischof Stefan Heße im Interview

Von Stefan Rochow

HAMBURG, 26. Juli 2016 (Vaticanista/ZENIT.org).- Der Hamburger Erzbischof Stefan Heße hat als Flüchtlingsbeauftragter der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) vorige Woche den Libanon besucht. Der Erzbischof informierte sich vor Ort, wie die Aufnahme der Flüchtlinge organisiert ist und welche Herausforderungen und Schwierigkeiten es gibt. In einem Interview mit Stefan Rochow spricht er über seine Reiseeindrücke, Erlebnisse vor Ort und über die Herausforderungen für Christen in Deutschland im Zusammenhang mit der Aufnahme vieler Flüchtlinge.

Exzellenz, am Montag sind Sie von Ihrer Reise in den Libanon zurückgekehrt. Was sind Ihre Eindrücke im Hinblick auf die Situation in den libanesischen Flüchtlingslagern?

Erzbischof Heße: Offizielle Flüchtlingslager gibt es im Libanon nicht. Viele der Flüchtlinge sind privat untergekommen, einigen davon konnte ich in der Bekaa-Ebene persönlich begegnen. Hier leisten insbesondere die lokalen Pfarrgemeinden im Libanon Großartiges. Sehr viele Flüchtlinge leben aber auch in sogenannten „informal tented settlements“, also in informellen Zeltsiedlungen. Eine davon habe ich ebenfalls besucht. Die Menschen haben auf freier Fläche ein Stück Land gepachtet und dort ihre Zelte aufgeschlagen. Für jedes Zelt von zehn mal sechs Metern Größe müssen pro Monat 100 US-Dollar Pacht gezahlt werden. Hinzu kommen die Kosten für das Wasser, das regelmäßig in große Tanks geliefert wird, und Strom. Die Menschen leben dort in großer Armut – die genannten Kosten plus die für den Lebensunterhalt könnten sie ohne die Hilfe der Caritas und vieler anderer Hilfsorganisationen gar nicht tragen.

Was waren für Sie die prägnantesten Ereignisse auf Ihrer Reise?                                                         

Erzbischof Heße: Ich konnte in der Bekaa-Ebene die tiefe Dankbarkeit der dort lebenden Syrer spüren, die froh sind, noch am Leben und in Sicherheit zu sein. Aber am meisten hat mich das Schicksal einer christlichen Familie berührt, die im Nordosten Syriens in die Hände des IS gefallen war. Die gesamte Bevölkerung ihres Dorfes wurde als Geiseln genommen. Sie haben berichtet, wie zunächst die Männer von den Frauen und Kindern getrennt wurden, und wie kurze Zeit später einige der Geiseln erschossen wurden. Nach über einem Jahr konnten sie schließlich nach Verhandlungen mit den Entführern befreit werden. Die Gefangenschaft und die Erlebnisse des Krieges haben sie schwer traumatisiert. Diese seelischen Wunden wirken noch lange nach und müssen dringend bearbeitet werden – auch bei den Flüchtlingen, die bei uns in Deutschland sind. Diese Menschen sind Zeugen für ihren Glauben, Märtyrer beziehungsweise Bekenner.

Wen haben Sie sonst vor Ort sprechen können und wer hat Sie noch beeindruckt?

Erzbischof Heße: Neben den Flüchtlingen, die ich treffen konnte, habe ich auch mit Vertretern verschiedener kirchlicher Hilfswerke gesprochen. Außerdem mit dem maronitischen Patriarchen, dem Apostolischen Nuntius, dem Sozial- und dem Bildungsminister des Libanon. Sehr beeindruckt haben mich die christlichen und muslimischen Theologen und Theologinnen, die sich in der „Adyan“-Stiftung zusammengeschlossen haben. Sie haben ein interreligiöses Curriculum für den Bildungssektor erarbeitet, das auf eine gewaltfreie Auseinandersetzung zwischen Muslimen und Christen über religiöse und politische Themen abzielt.

Was können Sie über Ihre Eindrücke von der Flüchtligshilfe berichten?

Erzbischof Heße: Zunächst einmal hat mich die enorme Anzahl der Flüchtlinge beeindruckt, die ein so kleines Land wie der Libanon aufgenommen hat. Da fast ein Drittel der Libanesen unterhalb der Armutsgrenze leben, ist diese Hilfsbereitschaft alles andere als selbstverständlich. So richten sich die Hilfsmaßnahmen meistens sowohl an Flüchtlinge als auch an bedürftige Einheimische. Da der libanesische Sozialstaat anders als in Deutschland sehr schwach ausgeprägt ist, sind kirchliche und andere zivilgesellschaftliche Akteure hier zusammen mit den internationalen Organisationen viel stärker gefragt. Mit welcher Energie und Kreativität in jeder einzelnen Situation flexible Lösungen gefunden werden – ich denke da zum Beispiel an die Malteser mit ihren mobilen Kliniken – das ist wirklich beeindruckend.

Wie kann man aus Ihrer Sicht dort helfen?

Erzbischof Heße: Es fehlt an manchen Orten noch an einem adäquaten Zugang zur Gesundheitsversorgung, und noch längst nicht alle Flüchtlingskinder gehen zur Schule. Der Bildungsminister hat mir berichtet, dass UNICEF von den Geberländern bislang nicht einmal 50 Prozent der Gelder erhalten hat, die zum gleichen Zeitpunkt des Vorjahres vorhanden waren – und das trotz versprochener Zusagen. Deutschland bildet hier eine lobenswerte Ausnahme. Der Druck auf die Geberländer, ihren Verpflichtungen nachzukommen, sollte erhöht werden. Ansonsten kann ich nur dafür werben, unsere Hilfswerke durch Spenden zu unterstützen. Diese werden auch weiterhin dringend benötigt.

Haben Sie von der Reise den Eindruck gewonnen, dass der Libanon den Herausforderungen gewachsen ist oder muss man befürchten, dass das Land unter dieser Last zerbricht?

Erzbischof Heße: Die Last ist natürlich enorm. Fast jeder vierte Mensch im Libanon ist ein Flüchtling. Unter diesen Umständen ist es besonders wichtig, dem Entstehen von Fanatismus und Extremismus unter den Flüchtlingen vorzubeugen. Es hat mich ermutigt zu erleben, wie libanesische Muslime und Christen in diesem Bereich zusammenarbeiten und ein klares gemeinsames Zeugnis für die Akzeptanz von Diversität und gegen religiös motivierte Gewalt abgeben. Diese Zusammenarbeit sollte unbedingt noch ausgebaut werden. Wenn dies gelingt, habe ich Hoffnung, dass der Libanon die Herausforderung meistert und nicht zerbricht.

Ist der Zuzug von über 1,2 Millionen geflüchteter Menschen aus Syrien in den Libanon in den letzten Jahren aus Ihrer Sicht eine Gefahr für den Zusammenhalt in der Gesellschaft im Libanon?

Erzbischof Heße: Da die meisten der Flüchtlinge sunnitische Muslime sind, besteht im Libanon die Sorge, dass sich im ausbalancierten Verhältnis zwischen den 18 staatlich anerkannten christlichen, muslimischen und drusischen konfessionellen Gruppen die Gewichte verschieben könnten. Aus diesem Grund wird dort auch nicht von Integration gesprochen, sondern man erwartet, dass die Flüchtlinge in ihre Heimat zurückkehren, sobald die Sicherheitslage dies zulässt. Viele der Flüchtlinge kommen aus den grenznahen Gebieten Syriens, sie können, wie ein Flüchtling mir sagte, „ihre Heimat noch riechen“ und wollen auch sobald wie möglich zurückkehren. Bis dahin besteht aber eine sicherlich angespannte Lage.

Haben Sie den Eindruck gewonnen, dass die Hilfsorganisationen die Aufgaben dort noch lange stemmen können und was müsste zur Entlastung der Helfer aus Ihrer Sicht passieren?

Erzbischof Heße: Ich habe sehr engagierte Helfer getroffen, bei allen Hilfsorganisationen, mit denen ich gesprochen habe. Von keinem von ihnen habe ich Klagen gehört. Die Hilfsbereitschaft der Menschen im Libanon ist, soweit ich das wahrnehmen konnte, insgesamt weiterhin hoch. Wichtig ist, dass die Finanzierung der Leistungen sichergestellt wird. Hier ist insbesondere die internationale Gemeinschaft aufgerufen, ihre eingegangenen Verpflichtungen zu erfüllen.

Müssen wir uns aus Ihrer Sicht darauf einstellen, dass sich noch mehr Menschen aus dem Libanon auf den Weg nach Europa machen?

Erzbischof Heße: In der deutschen Botschaft in Beirut muss man zurzeit bis zu 15 Monate auf einen Termin warten, um einen Antrag auf Familiennachzug zu stellen. Diese Frist zeigt, dass viele Menschen einen solchen Antrag noch stellen wollen. Die Botschaft hat ihr Personal in den letzten Jahren und Monaten kontinuierlich erhöht und wird dies auch weiterhin tun. Wer noch keinen Familienangehörigen in Deutschland hat, der denkt – so mein Eindruck – eher über eine Rückkehr nach Syrien als eine Ausreise nach Europa nach. Vielen ist mittlerweile bewusst, dass das Ankommen mit Schwierigkeiten wie sozialer Isolation und mangelnder gesellschaftlicher Teilhabe verbunden ist.

Was bedeutet aus Ihrer Sicht der Umstand, dass die meisten geflüchteten Menschen aus muslimisch geprägten Ländern nach Europa kommen, für uns?

Erzbischof Heße: Die religiöse Zugehörigkeit bedeutet für die Menschen im Nahen Osten sehr viel. Sie ist Teil ihrer Identität, den sie bisweilen auch selbstbewusst betonen. In unserer Gesellschaft, die zunehmend weniger Erfahrung damit hat, dass Religion beziehungsweise Religiosität auch öffentlichen Raum beansprucht, kann dies auch Ängste auslösen. Die Muslime, die in ihren Heimatländern gewohnt sind, einer gesellschaftlichen Mehrheit anzugehören, bringen hier sicher besonders viel Selbstvertrauen mit.

Sehen Sie darin ein Problem für die Integration?

Erzbischof Heße: Eine Herausforderung sehe ich hier auf jeden Fall. In unserer Gesellschaft ist der einzelne auf vielfache Weise mit dem Staat und seinen Institutionen verbunden, es gibt viele Berührungspunkte. Im Nahen Osten versucht man, dies zu minimieren, sicher auch aus schlechten Erfahrungen mit diktatorischen Regimen. Man regelt seine Angelegenheiten durch die Familie, den Clan und eben auch die Religionsgemeinschaft. Diese Menschen müssen zunächst einmal Vertrauen in unseren Staat und seine Institutionen entwickeln, indem sie den gesetzlichen Rahmen kennen und achten lernen. Wir als aufnehmende Gesellschaft sind herausgefordert, von den Flüchtlingen keine vollständige Anpassung an unseren „way of life“ zu erwarten und ihre Eigenarten, soweit sie nicht gegen die Rechtslage verstoßen, auch als Bereicherung anzuerkennen.

Welche Probleme stehen allgemein im Zusammenhang mit der Integration der geflüchteten Menschen?

Erzbischof Heße: Integration steht immer im Spannungsfeld zwischen Assimilation und Abkapselung. Beides wäre ein Irrweg. Es dürfen bei uns keine muslimischen oder orientalischen Ghettos entstehen, gleichzeitig müssen die Flüchtlinge aber auch nicht in allem so werden wie wir. Wertschätzung von Diversität sowie interreligiöse und interkulturelle Kompetenz sollten neben dem Spracherwerb und der Vermittlung des gesetzlichen Rahmens ein wichtiges Element unserer Integrationskonzepte sein. Aber auch wir als Gesellschaft sollten Räume der Begegnung schaffen, damit Vorurteile ab- und Beziehungen aufgebaut werden können, ohne Assimilationsdruck auf die Flüchtlinge auszuüben.

Haben wir Christen aus Ihrer Sicht unser Potential zu helfen vollkommen ausgeschöpft oder sehen Sie noch Reserven für die Hilfsbereitschaft?

Erzbischof Heße: Die Pfarrgemeinden, Bistümer, Verbände, Orden und Hilfsorganisationen leisten bereits eine Menge. Es gibt – Gott sei Dank – sehr viele ehrenamtlich engagierte Christen, die ihr Möglichstes tun und diese Erfahrungen als Bereicherung erleben. Durch ihr Beispiel können auch diejenigen motiviert werden, die bisher Vorbehalte und Ängste haben. Wir sollten prüfen, ob und wie wir unsere Mitchristen hier stärker als bisher ermutigen können, sich für solche Erfahrungen zu öffnen.

Welche Botschaft haben Sie an die Menschen in unserem Land, gerade unter dem Eindruck Ihrer Reise in den Libanon?

Erzbischof Heße: Wir sollten keine Angst vor den Menschen haben, die mit ihrer Kultur, ihrer Religiosität und ihren sonstigen Eigenarten zu uns kommen. Gerade wir als Christen können vielleicht sogar eine ganz besondere Rolle bei der Integration spielen. Zeigen wir doch, selbstbewusster vielleicht als bisher, auch unseren christlichen Glauben, und das nicht nur im privaten, sondern auch im öffentlichen Raum. Das wird den Menschen aus dem Nahen Osten, auch den Muslimen, helfen zu erkennen, dass sie mit ihrem Glauben nicht so anders sind als wir.

Vielen Dank für das Gespräch.

 

 

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