„Journalistisches Meisterwerk und Glaubenszeugnis zugleich“

Am Montag wurde in München der Interviewband „Letzte Gespräche“ vorgestellt — ein Kommentar

Von Michaela Koller

MÜNCHEN, 16. September 2016 (Vaticanista/ZENIT).- Das Buch „Letzte Gespräche“ des Autors Peter Seewald mit dem emeritierten Papst Benedikt XVI. wird als „Sensation“ oder „historisches Dokument“ empfohlen. Vielmehr ist es zugleich journalisches Meisterwerk und Glaubenszeugnis, sowohl des Interviewten wie auch des Interviewers. „Dieses Buch ist für die einfachen Menschen geschrieben, vor allem auch für die Gläubigen“, sagte Peter Seewald am Montag bei der Pressekonferenz. Hinzuzufügen wäre, dass es für Nichtgläubige attraktiv sein kann, den Beiden Gehör zu verleihen.

Peter Seewald fand in der Folge des ersten Interviewbands „Salz der Erde“ mit Kardinal Joseph Ratzinger wieder zu seinen christlichen Wurzeln zurück. Dies sei bei den Begegnungen mit Papst Benedikt nie beredet worden, räumte er vor Journalisten ein. Selbstverständlich wird die Entwicklung Seewalds dem emeritierten Papst wohl bekannt und bewusst sein. Und das Buch ist, wie jedes Interview, auch vor dem Hintergrund  der Dynamik der Beziehung zwischen dem Fragesteller und dem Befragten zu betrachten. Hätte eine andere Person mit demselben Skript wie der Autor Benedikt befragt, wäre ein anderes Buch dabei herausgekommen.978-3-426-27695-2_druck-jpg-35615238

Vielsagend war seine Begründung, warum es nicht zu Gesprächen über die Bekehrung kam, zu der der damalige Kardinal maßgeblich beigetragen hat: Es habe keine Gelegenheit dazu gegeben, bemerkte Seewald lakonisch. Schon als der 62-Jährige von der „Strenge der Zeitführung“ Benedikts sprach, der er sich fügte, wurde klar: Hier spricht kein Journalist, der die außergewöhnliche Situation für etwas anderes als Sachlichkeit nutzt. Seewald will authentisch über Glaube und Kirche sowie die anhaltende Rolle Benedikts für Beide erzählen, und erzählen lassen.

Mit seiner Frage zu den Versäumnissen des deutschen Kirchensystems in der Neuevangelisierung reicht er zwar dem emeritierten Papst die Steilvorlage für dessen deutliche Worte. Jedoch geschieht auch dies ohne Doppelbödigkeit. Seewald verwies in der Pressekonferenz auf die drastische Glaubenserosion gerade in Deutschland und ein anderes Buch, für das er sich mit der Suche nach deren Ursachen zuvor mit Bischof Stefan Oster von Passau zusammengesetzt hatte, der Seewalds Ursachenanalyse im Kern zustimmt. An dieser Stelle darf also das Tiefschürfen nicht mit Polemik verwechselt werden.

Die Kritik des emeritierten Papstes am „etablierten und hochbezahlten Katholizismus“ in Deutschland fällt tatsächlich vor dem Hintergrund des durchgehend höflichen Tons eines gütigen, versöhnten Rückblicks harsch aus. Dennoch hätten zunächst diejenigen, die Benedikt daraufhin an seinen Schweigevorsatz erinnerten, selbst schweigen sollen: Zu groß ist die Gefahr in der alltäglichen Debatte, dadurch die zugrundeliegende Veranlassung gleich wieder zu verschütten. Der Papa emerito nannte einen tief geistlichen Grund für seine Bedenken. Wer nicht mehr Kirchensteuer zahle, könne nicht einfach als exkommuniziert gelten.

Allein der Einschätzung Seewalds, sein Buch mit Papst Benedikt XVI. stelle für die Geschichtschreibung ein historisches Dokument dar, ist zu widersprechen: Historiker betrachten Interviews ebenso wie Autobiographien als quellentechnisch kritisch. In den Details bleibt das Gesagte eine Momentaufnahme in der Retrospektive. Die persönliche Note des Gesagten, die Erzbischof Georg Gänswein in seiner Würdigung betonte, beantwortet viel eher die Frage danach, worin die Einzigartigkeit des Interviews besteht. Und mit diesem Charakter ist es das Zeugnis des Befragten, gelenkt durch die Fragen eines gläubigen Journalisten.

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