Hindunationalisten schüren Ängste vor Minderheiten

Gewalt und radikale Forderungen nehmen unter Modis Regierung zu

Von Michaela Koller

Der folgende Beitrag ist im „Jahrbuch Religionsfreiheit 2016“ erschienen, das Thomas Schirrmacher und Max Klingberg herausgegeben haben.

Der Hindunationalismus in Indien ist wieder auf dem Vormarsch und damit hat für religiöse Minderheiten eine neue Eiszeit in der bevölkerungsreichsten Demokratie der Welt begonnen. Mit aller Macht wollen Hindutva-Fundamentalisten das Wachstum anderer Religionen verhindern. Aus den indischen Parlamentswahlen zum Unterhaus im April und Mai 2014 ging die National Democratic Alliance haushoch als Sieger hervor. Diese Parteienkoalition wurde von der Bharatiya Janata Party, der 1980 gegründeten indischen Volkspartei, angeführt, die mit 51,9 Prozent der Sitze schon allein die absolute Mehrheit errang.

Der asketische Narendra Modi, zuvor 13 Jahre Chief Minister des Bundesstaats Gujarat, wurde am 26. Mai 2014 als Premierminister vereidigt. Die hindunationalistische Partei regierte zuletzt zwischen 1998 und 2004, damals unter Ministerpräsident Atal Bihari Vajpayee. „Überall, wo diese Partei als Koalitionspartei mitregiert oder gar die Regierung stellt, werden Gesetze gegen andere Religionen verabschiedet oder kommt es, wie im Bundesstaat Orissa, gleich zu einem Gemetzel an Anhängern anderer Religionen“, schreibt Thomas Schirrmacher in seinem Aufsatz „Religion und Gewalt in Indien 2: die Hindutva“ Trotzdem schaffte sie es nun wieder ans Ruder.

Copyright: IGFM

Copyright: IGFM

Die Geschichte der Partei ist eng mit dem Rashtriya Swayamsevak Sangh (RSS) verbunden. Diese Mutterorganisation in der sozialen und politischen Bewegung Sangh Parivar wurde 1925 gegründet und tritt für die Hindutva-Ideologie ein, derzufolge Indien allein dem Gott Rama gehöre. Es sind die Jahre der Entstehung und Ausdehnung großer Ideologien, teilweise auch als Konsequenz aus der kolonialistischen Erfahrung. Vor diesem Hintergrund unerwartet kann Thomas Schirrmacher in seinem Aufsatz feststellen: „‘Hinduismus‘ wurde ja erst von den Engländern zum Zwecke von Volkszählungen geschaffen, um die zahllosen indischen Religionen zusammenzufassen“.

Beim Hindunationalismus handelt es sich nicht einfach um einen weiteren religiösen Fanatismus wie etwa den Islamismus, sondern vertritt vielmehr einen quasi sakralen Nationalstaatsbegriff. Dieser grenzt letztlich Muslime und Christen aus, die zwar Indien als nationale Heimat, jedoch nicht als heiliges Land betrachten und die im Hinduismus wurzelnde Kultur nicht teilen. Das macht Angehörige religiöser Minderheiten zu Bürgern zweiter Klasse.

Traditionell vor allem gegen Muslime

Von Thomas Schirrmacher erfahren wir über die Feindwahrnehmung der Hindunationalisten: „Der Hindutva-Extremismus wandte sich traditionell vor allem gegen Muslime, massiv dann ab den 1990er Jahren.“ Einen historischen Tiefpunkt in der kurzen Geschichte der steil aufstrebenden BJP markiert der 6. Dezember 1992. Rund 150.000 Hinduaktivisten versammelten sich damals in Ayodhya, aufgeladen durch eine Kampagne der Indischen Volkspartei, und rissen in den frühen Morgenstunden die Moschee ab. Sie lösten damit gewaltsame Auseinandersetzungen im ganzen Land aus. Es war dies der Gipfel einer von der BJP mitverfolgten Kampagne, die hinduistischen Ansprüchen auf die Verehrungsstätte zur Geltung verhelfen sollte, wo einst ein dem Gottkönig Rama gewidmeter Hindu-Tempel gestanden haben soll.

„Die Anatomie des Hasses“ – so lautet ein noch unveröffentlichtes Projekt der indischen Journalistin Revati Laul. Sie wandte sich an die IGFM mit der Bitte um Unterstützung bei der Aufarbeitung von Pogromen vor 14 Jahren im indischen Bundesstaat Gujarat durch die Hand radikaler Hindunationalisten und eines durch sie angestifteten Mobs, begangen an Angehörigen der muslimischen Minderheit. Laul erkennt zwar die Bemühungen auf staatlicher und gesellschaftlicher Ebene an, überlebende Opfer zu unterstützen und strategisch Vorurteilen gegenüber Muslimen zu begegnen. Sie stellt aber fest, dass eine zuvor gegenüber Muslimen äußerst freundliche Politik des Indischen Nationalkongresses einer Politik der „religiösen Bigotterie“ der Indischen Volkspartei gewichen sei.

„Die Zerstörung der Babri Moschee aus dem 16. Jahrhundert im indischen Bundesstaat Uttar Pradesh am 6. Dezember 1992 kennzeichnete den Beginn des Aufstiegs und Erfolgs der Hindumajorisierung und der Politik der religiösen Bigotterie“, schreibt sie. Laul bezeichnet diesen Gewaltakt als Ursünde der muslimisch-hinduistischen Auseinandersetzungen. Der heutige Premierminister Narendra Modi sei darin verwickelt gewesen.

Radikale Hindus als Drahtzieher

In jüngster Zeit zeigt sich durch investigative Arbeit, dass die brutalen Taten nach einem Brand in einem Zug mit Hindupilgern am 27. Februar 2002 politisch nicht nur in Kauf genommen, sondern geplant waren. Bis zu 2.000 Menschen kamen dadurch um. Erstmals verurteilte ein indisches Gericht am 31. August 2012 Drahtzieher wie die frühere Frauenministerin von Gujarat Maya Kodnani (zu 28 Jahren Haft) und den Hinduführer Babu Bajrangi wegen ihrer Beteiligung an den Naroda Gam und Naroda Patiya Massakern, bei denen 97 Muslime, darunter 35 Kinder und 36 Frauen auf kaum vorstellbar grausame Weise ermordet wurden. Zeugen berichteten vor Gericht, wie Kodnani die Täter anstiftete, die ihre Opfer am lebendigen Leib verbrannten oder zerstückelten.

Die Verstrickungen in die Gujarat-Massaker reichen wohl noch in höhere Etagen: Dem heutigen Premierminister Narendra Modi, der damals Chief Minister des Bundesstaats Gujarat war, wird vorgeworfen, die Gewalt ausgelöst, zumindest gebilligt zu haben. Zwischen 2005 und seiner Wahl zum Regierungschef der größten Demokratie der Welt 2014 durfte der Hindunationalist deswegen nicht in die USA einreisen. In Indien konnte eine Sonderuntersuchungsgruppe keine Verwicklungen Modis in die Pogrome nachweisen.

Offen bleibt, ob er etwas tat, um die Gewalt zu verhindern: 790 Muslime und 254 Hindus kamen darin um, rund 2.500 Menschen wurden dabei verletzt. Einigen Quellen zufolge erlagen sogar rund 2.000 Muslime den Folgen der brutalen Attacken. Der Jesuitenpater Cedric Prakash, Direktor des Jesuit Centre for Human Rights, Justice and Peace in Ahmedabad, wo der Mob damals drei Wochen grausam tobte, stellte fest:

“Der Gujarat-Genozid von 2002 war eines der blutigsten Kapitel in Indien seit der Unabhängigkeit. Traurig ist, dass derjenige, der dem vorstand, heute das Land regiert, was anscheinend die Morde, Vergewaltigungen, Brandstiftungen, Plünderungen, Vertreibungen und Verunglimpfungen Tausender Muslime legitimiert. Natürlich gab es einige Verurteilungen, aber die wirklich Schuldigen bewegen sich noch frei, ungestraft und sicher. Es bedarf der Heilung, aber damit diese stattfinden kann, müssen die überlebenden Opfer den Triumpf der Wahrheit und Gerechtigkeit erfahren. Eine Realität kann nie unter den Teppich gekehrt werden. Die Justiz muss zeigen, dass sie der Sache der Gerechtigkeit allein dient, die Medien müssen unparteiisch und objektiv sein und vor allem muss die Zivilgesellschaft den Mut aufbringen, den faschistischen und fundamentalistischen Kräften, die im Land wirken, entgegen zu treten.“ Das beschreibt genau das, wofür Revati Laul angetreten ist.

Die Journalistin und Aktivistin möchte letztlich durch die Beschäftigung mit den Tätern, mit ihren Motiven und ihrer Laufbahn im Anschluss an die Taten den politischen Hintergründen nachspüren. „Ich versuche Hindu-Faschisten dazu zu bringen, ihre Verbrechen, die sie aus Hass und Vorurteilen begangen haben, zuzugeben.“ Ohne deren Eingeständnis ist auch keine echte Versöhnung möglich.

Hintergründe der Hassverbrechen

In ihrem geplanten Buch möchte sie die Täter porträtieren, um eine erste umfassende Aufarbeitung der Hintergründe der Hassverbrechen vor 14 Jahren vorzulegen und die zugrundeliegende Politik zu brandmarken. Es ist nun kein Geheimnis mehr, dass es sich um nationalistisch orientierte Hindu-Gruppen handelte mit wachsendem Einfluss auf die indische Politik und mit ebenso feindlicher Gesinnung gegenüber allen anderen Indern, die sie als Bürger zweiter Klasse einstufen.

Um die Gewalt gegen die Muslime aufzuarbeiten, plant Revati Laul nicht allein ein Buch, sondern eine gesamte Kampagne, einschließlich eines Multimedia-Projekts, einer Dauerausstellung im Museum Conflictorium, ebenso in Gujarat, sowie eine Performance, die von Dorf zu Dorf zieht, und dafür wirbt, zur Wahrheit beizutragen. „Daran arbeite ich, in dem absoluten Glauben und der Überzeugung, bevor wir nicht einen Moment der Abrechnung mit den Taten haben und mit den Tätern arbeiten, können wir nicht die zugrunde liegende Politik ändern. Wir werden dann die Bigotterie in unserer Mitte nicht los“, schreibt sie.

Am 20. Januar 2016 wurde Revati Laul selbst Opfer eines Angriffs. Die Journalistin und Aktivistin traf den ursprünglich zu 31 Jahren Haft verurteilten Suresh Chhara in Ahmedabad und versuchte, ihn zu seiner Biographie und zu seiner Beteiligung am Massaker von Naroda Patiya zu interviewen. Er war gerade seit einigen Tagen auf Kaution freigekommen, um ihm die Suche nach seiner vermissten Tochter zu ermöglichen. „Nach fünf Minuten stand er auf, ging auf mich zu und begann, auf mich einzuschlagen“, berichtete sie. Sie ließ sich durch den Übergriff nicht entmutigen und versucht weiter, die Aufarbeitung national wie international voranzubringen.

Zugleich Christen als Zielscheibe

Im Visier der Hindunationalisten stehen auch die 2,3 Prozent Christen im Land. Kurz nach der Vereidigung Premierministers Modis vor zwei Jahren haben Hindugruppen wie der RSS und die Vishwa Hindu Parishad (VHP) begonnen, Ghar Wapsi Zeremonien zu organisieren. Das sind Massenkonversionen, die Aussagen von Konvertiten zufolge aus ärmeren Schichten kommen und wirtschaftliche Anreize für den Übertritt zum Hinduismus erhalten. Allein in den ersten 300 Tagen nachdem die BJP ans Ruder kam, verzeichneten örtliche Menschenrechtsgruppen 168 Vorfälle von Gewalt an Christen. Der Hinduextremismus bäumt sich offenbar auch gegen die Christen auf.

Es ist zudem eine Wechselwirkung zu beobachten, da die Extremisten auch in der hohen Politik mitreden wollen. Anfang September vorigen Jahres trafen sich Mitglieder der Regierungspartei, darunter frühere und amtierende Regierungsvertreter, und Repräsentanten aus dem Umfeld des Rashtriya Swyamsevak (RSS), eigene Mitglieder sowie Delegaten mit ihr verbundener Organisationen. Premierminister Modi wurde selbst zu einem Auftritt erwartet.

Für Lenin Raghuvanshi, Direktor des Volksüberwachungskomitees für Menschenrechte, sieht es nach dem Versuch aus, die extreme Ideologie, die der RSS vertritt, in der Regierungsagenda umzusetzen. Die Begegnung ist auch ein Indiz für Bestrebungen, sich innerhalb der Bewegung mehr miteinander abzustimmen und näher zusammenzurücken. Gelegentlich wird die Umarmung der Regierung durch die Ultras überdeutlich: Der VHP-Chef im Bundesstaat Jharkhand, Pramod Mishra, kündigte im vorigen Herbst Rache an, sollte die BJP dort nicht den Rindfleischhandel dauerhaft verbieten.

Tagungsordnungspunkte bei dem großen Treffen der Hindunationalisten waren unter anderem Fragen der inneren und äußeren Sicherheit, Wirtschaftswachstum sowie die demographische Entwicklung. Letzteres ist ein heißes Thema: Ein Viertel der indischen Bevölkerung sind Angehörige der Dalits, die früher „Unberührbare“ genannt wurden sowie der Stammesvölker. Viele von ihnen oder ihrer Vorfahren erhofften sich mit dem Übertritt zu einer anderen Religion ein Ende der gesellschaftlichen Unterjochung, da das Kastenwesen zwar offiziell abgeschafft, aber de facto noch real ist.

Zwischen dem christlichen Menschenbild und der dem in der Hindutva-Ideologie tut sich ein Graben auf: „Das Christentum stößt in Indien außerdem auf Widerstand, weil es auf der Seite der Armen und Ausgegrenzten steht“, sagte Leo Cornelio, katholischer Erzbischof von Bhopal einmal. Die Christen setzten sich für Werte wie Gerechtigkeit, Gleichheit, Ehrlichkeit und für die Würde aller Menschen ein. „In einer Gesellschaft, die an Kasten, Klassen und Geschlechterdiskriminierung glaubt, ist das eine Bedrohung, die unterdrückt oder ausgelöscht werden muss.“

Für den Erzbischof steckt Machtgier als Motiv hinter der bewusst geschürten religiösen Polarisierung. Das soziale Engagement von Christen, die obendrein für die Gleichwertigkeit aller Menschen eintreten, läuft auch den wirtschaftlichen Interessen derer entgegen, die vom alten Kastenwesen profitieren und ohne dieses Privilegien einbüßen würden. Angriffe auf Christen sind als Reaktion zu sehen, denen der Vorwurf, aggressiv für seinen Glauben zu werben, vorausgeht. Radikale Hindunationalisten verbreiteten durch eigene Medien Gerüchte um die Christen. Das endet oft auch mit Gewalt, wie damals in Orissa.

Gewalt gegen Christen

Christen litten mehrere Monate hindurch ab 25. August 2008 unter den Ausschreitungen von Kandhamal/Orissa, dem größten antichristlichen Pogrom in der Geschichte des modernen Indien. Mehr als die Hälfte der 100.000 Christen dort verloren all ihr Eigentum, weil ein aufgestachelter und entfesselter Hindu-Mob ihre Häuser abgefackelt hatte. Rund 18.000 Menschen wurden durch die mörderische Gewalt verletzt, mindestens 45 kamen darin um, einige Quellen sprechen sogar von mehr als 100 Menschen, die an den Folgen der Angriffe starben. 252 Kirchen brannten nieder. Am 9. Februar dieses Jahres kamen die Angehörigen der Mordopfer erstmals auf Einladung der katholischen Kirche in Kandhamal zusammen. Das ist ein Zeichen der Solidarität, das staatlicherseits wünschenswert wäre. Auch die gerichtliche Auseinandersetzung genügt wohl nicht dem Hunger nach Gerechtigkeit. Es gab zwei Ermittlungskommissionen, aber bislang wurde kein Bericht veröffentlicht. Im Februar aber stellten Menschenrechtler, Juristen, Künstler und Intellektuelle ein Internetportal zur Dokumentation der Verbrechen vor: www.kandhamal.net.

Einer der mutmaßlichen Anstifter war Manoj Pradhan, ein Parlamentarier der Indischen Volkspartei in Orissa. Ein Gericht fand ihn am 29. Juni 2010 für schuldig, den Christen Parikhita Digal am 27. August 2008 ermordet zu haben. Bereits am 6. Juli 2010 kam er aber wieder gegen Kaution frei. Noch während er in Haft saß, setzte ihn seine Partei auf die Wahlliste.

Auslöser der Ausschreitungen war der Mord an dem Hinduführer Swami Laxmanananda Saraswati am 23. August 2008. Obwohl sich ein maoistischer Aktivist zu der Bluttat bekannte, wurden dennoch am 30. September 2013 in Phulbani die Christen Gadanath Chalanseth, Bijaya Kumar Shyamseth, Buddha Nayak, Sanatan Badamajhi, Duryadhan Sunamajhi, Bhaskar Sunamajhi und Munda Badamajhi wegen der Tat zu lebenslanger Haft verurteilt. Die Tatsache, dass sich der Swami mit Reden gegen Religionswechsel zum Christentum hervortrat, wurde als Indiz für ihre Schuld gewertet. In diesem Januar fand noch einmal eine Anhörung in der Causa statt. Der Weg zur Anerkennung der Wahrheit und damit zum Respekt vor den christlichen Opfern ist in diesem Fall noch weit.

Währenddessen richten sich besonders die Anti-Bekehrungsgesetze gegen Christen und andere religiöse Minderheiten. „Es sei noch angemerkt, dass es kein Zufall ist, dass die religiöse Gewalt in Bundesstaaten mit Antibekehrungsgesetzen am höchsten ist, ohne hier monokausale Beziehungen herstellen zu wollen“, schreibt dazu Thomas Schirrmacher. Die BJP ist bestreibt, diese auszuweiten. Angeblich wollen die Politiker damit Angriffen auf Christen, insbesondere Ordensfrauen, Kleriker und auf Kirchen entgegentreten.

Das Hauptargument für die Anti-Konversionsgesetze schließt letztlich den Vorwurf ein, die Christen zögen durch die Werbung für ihre Religion die Gewalt an. Während der Wahlphase trat die BJP mit dem Versprechen auf, ein solches Gesetz, das bereits in sechs Bundesstaaten geltendes Recht darstellt (siehe akutellen Jahresbericht der United States Commission on International Religious Freedom), auf nationaler Ebene auf den Weg zu bringen. Bereits die Vorgängerpartei versuchte, sich Ende der siebziger Jahre mit entsprechender Politik zu profilieren.

Als Minderheit im Oberhaus würden die Hindu-Nationalisten aber spätestens dort mit der Initiative scheitern. Der indische Vizepräsident Hamid Ansari hat in der Vergangenheit mehrfach Anlässe gesehen auf die säkulare Verfassung zu verweisen und zu betonen, dass das Recht auf Religionswechsel ein Grundrecht bleibt und keine Religion in Indien irgendeinen offiziellen Status genießen dürfe. Die Anti-Konversionsgesetze stellen einen klaren Verstoß gegen Artikel 18 des Paktes über bürgerliche und politische Rechte sowie der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte dar, Dokumente, die auch von Indien ratifiziert wurden.

Die entsprechenden Gesetze bieten regelmäßig Vorwände, um Angehörige von Minderheiten zu drangsalieren. Regelmäßig erfahren Menschenrechtsorganisationen wie die IGFM von vorübergehenden Festnahmen wegen angeblicher Zwangsmissionierung. Sehr häufig sind die Opfer Angehörige der Pfingstbewegung, die gerne für ihren Glauben werben und dazu auch das Recht haben.

„Es gibt Berichte über zahlreiche solcher Vorkommnisse gegen Christen“, schreibt Erzbischof Leo Cornelio von Bhopal der IGFM. Hinduextremisten seien in vielen ländlichen Gegenden aktiv und hinderten christliche Prediger sogar daran, zu den bereits bestehenden Gemeinden zu sprechen. „Es ist nicht so, dass es dies nicht schon früher gab, aber jetzt fühlen sich die Extremisten mutig, da sie das Gefühl haben, die Regierung unterstütze sie und jegliches Vorgehen gegen sie verlaufe langsam und träge. „Seit die BJP-Regierung im Zentrum an die Macht gekommen ist, nehmen diese Vorkommnisse zu.“ Das Gesetz gegen den Glaubenswechsel wurde in Madhya Pradesh noch im August 2013 verschärft: Ein Priester muss 30 Tage, bevor er einen Konvertierenden tauft, diesen den Behörden melden.

Hindunationalisten schüren aber die Angst vor christlicher oder muslimischer Majorisierung unter den weniger Gebildeten und stellten schon unverhohlen die Frage, ob ein Wachstum der christlichen Bevölkerung nicht gesetzlich begrenzt werden könne. Tatsächlich sinkt jedenfalls der Anteil der Christen im Land, leicht, aber stetig: Von 2,6 Prozent im Jahr 1971, über 2,44 Prozent 1981 und 2,34 Prozent zehn Jahre später auf 2,3 Prozent im Jahr 2001.

 

 

Artikel drucken

Dieser Beitrag wurde unter Religionsfreiheit - Menschenwürde veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.